Leseprobe Band I “Gotttes letzte Kinder”

Die Apokalypse ist über die Menschheit hereingebrochen.
Die Toten stehen wieder auf und machen Jagd auf die Lebenden.
In dieser Welt versucht Frank zu überleben. Bei seiner Suche nach dringend benötigter Nahrung und Ausrüstung im völlig zerstörten Köln trifft er auf Sandra. Sie ist eine weitere Überlebende des Untergangs, ebenso wie Pfarrer Patrick Stark, ein Mann Gottes, der sich scheinbar in sein Schicksal ergeben hat.
Die Drei glauben die letzten lebenden Menschen in der toten Stadt zu sein und werden von einem Zombie verfolgt, der schneller, stärker und schlauer ist, als die anderen Untoten.
Doch es haben noch mehr Menschen Armageddon überlebt. Und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach …

Gottes letzten Kindern

Kapitel I
Der Sturm

T-Minus 90 Tage … Phase 1:
Es wurde kein neuer Virussubtyp bei Menschen entdeckt. In Tieren können Virussubtypen umlaufen, die auch Menschen infizieren, jedoch wird das Risiko als gering bewertet.
(Definition Pandemiephasen nach WHO)

T-Minus 85 Tage … Phase 2:
Es wurde kein neuer Virussubtyp bei Menschen entdeckt. Ein in Tieren umlaufender Subtyp stellt ein erhebliches Risiko einer Erkrankung von Menschen dar.
(Definition Pandemiephasen nach WHO)

Eigentlich ging es Patient Null gut, wenn man von dem Husten absah, der ihn seit einigen Tagen plagte. Aber als Schäfer kannte man keine Krankenkasse und Erkältungen gehörten eben manchmal dazu, wenn man einen Beruf wie diesen ausübte. Er blickte über seine Herde, die auf einer städtischen Wiese im Auftrag der Kommune das Gras niedrig halten sollte. Im Hintergrund verdeckte der graue Bau irgendeines Pharmakonzerns die Sicht auf den Horizont, aber er hatte keinen Blick dafür übrig. Seine Schafe waren nicht gut dran, und das war weiß Gott wichtiger. Die meisten blickten stumpf vor sich hin, statt das saftige Gras zu weiden. Er seufzte. Vielleicht bekamen seine Tiere die Traberkrankheit? Ein sämiges Husten rollte seine Brust hoch, und Patient Null räusperte einen dicken Schleimklumpen hoch.
Verfluchte Erkältung.
T-Minus 75 Tage … Phase 3:
Beginn der Alarmphase: Vereinzelt werden Menschen infiziert, eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist jedoch sehr selten und tritt allenfalls bei engem Kontakt zu einem Infizierten auf.
(Definition Pandemiephasen nach WHO)

Patient Null lag im Bett. Seine Frau hatte heute die Herde übernommen, obwohl sie sich auch nicht gut fühlte. Aber immerhin ging es ihr besser als ihm. Morgen oder spätestens übermorgen wäre er wieder bei seinen Schafen. Wenn nur das verdammte Fieber nicht wäre! Ächzend griff er nach dem Glas auf seinem Nachttisch. Er lag im Sterben ohne es zu ahnen, und hatte unter anderem auch seine Frau sowie seine drei Aushilfen bereits angesteckt, die aus England, Schottland und Australien angereist waren, um das Handwerk aus der Sicht eines anderen Landes zu erlernen. Zwei dieser Aushilfen hatte er vor einigen Tagen zu einem Kollegen geschickt, der mit grip-peähnlichen Symptomen im Bett lag. Seine dritte Aushilfe lag bereits im städtischen Krankenhaus in der Lei-chenhalle, was er nicht wusste.
Drei Stunden später war auch Patient Null tot.
Das Muster und die Häufigkeit der Erkrankungen zwang die WHO, die Pandemiestufe umgehend auf 5 zu setzen. Das Virus sprang nun weltweit von Tieren auf Menschen über.

T-Minus 70 Tage … Phase 5:
Erhebliches Pandemierisiko: Größere, aber noch örtlich und zeitlich eng begrenzte Ausbrüche in zwei Gebieten einer der sechs WHO-Regionen. Das Virus ist besser, aber noch nicht vollständig an den Menschen angepasst. Letzte Chance, die globale Verbreitung zu verzögern.
(Definition Pandemiephasen nach WHO)

Ob ihr mich jetzt auslacht oder nicht, ich habe heute Vorräte bis zum Arsch gebunkert! Von wegen Grippe! Die verarschen uns nach Strich und Faden. Da ist was schiefgelaufen, als entweder die Militärs einen Super-virus erschaffen wollten, oder die Pharmaindustrie einen neuen Weg suchte, um uns das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wie auch immer, Leute, das ist kein Spaß mehr! Die schaffen die Leichen der Grippetoten in diesen Säcken für biologisch gefährlichen Abfall mit Lastwagen aus den Krankenhäusern!! Legt euch Vorräte an, verrammelt eure Buden und betet. Das geht nicht gut aus. Das Jüngste Gericht kommt, und mit ihm der Herr. Und glaubt mir, meine Brüder und Schwestern, der ist bestimmt nicht in der Laune, uns unsere Sünden zu vergeben!
(Eintrag aus dem Internetblog apokalypsis.sf-fan.com)

T-Minus 60 Tage … Phase 6:
Verlauf der Pandemie: Wachsende und anhaltende Übertragungen von Mensch zu Mensch in der gesamten Bevölkerung. Räumlich getrenntes Ausbruchsgeschehen in mindestens zwei WHO-Regionen.
(Definition Pandemiephasen nach WHO)

Als offiziell bekannt gegeben wurde, dass die Grippetoten in speziellen Säcken in ihre Särge gelegt und auf gesonderten Friedhöfen beigesetzt werden sollten, befiel Frank eine diffuse Unruhe. Man wusste über diesen Grippevirus einfach nicht genug, um vorhersagen zu können, was er bei einer Umgrabung der jeweiligen Ruhestätte nach zwanzig Jahren noch anrichten könnte. Aber die Opfer dieses Virus deswegen in Beuteln für bio-logisch gefährliche Abfälle beerdigen? Und zudem auch noch neue Friedhöfe eröffnen, in denen die Leichen einbetoniert wurden, weil die Krematorien hoffnungslos überlastet waren und die Angehörigen scharenweise gegen eine Verbrennung der Leichen ihrer Liebsten in Müllverbrennungsanlagen klagten? Frank befand, dass Vorsicht und vorausschauendes Handeln angebracht wären. Geld war kein Problem. Als Mechaniker eines Werkteams in der DTM verdiente er mehr als genug. Außerdem hatte er sich für schlechte Zeiten etwas auf Seite gelegt. Das Haus, in dem er lebte, hatte er von seinen Eltern geerbt, eine feste Freundin war ein schöner Traum, und was die Rennen betraf, so konnte er definitiv davon ausgehen, dass die kommende Saison mangels Teilnehmern abgesagt werden würde.
Nach intensiven Planungen, was man zum Überleben so alles benötigte, und was nicht ganz so wichtig wäre, kaufte er innerhalb weniger Tage den Baumarkt am Barbarossaplatz beinahe im Alleingang leer. Den Aldi, den Lidl und den Rewe um die Ecke in weiteren Touren gleich mit. Er war nicht der einzige Hamsterkäufer. Die Schlangen an den Kassen reichten oft bis in die hintersten Ecken der Läden. Ängstlich dreinblickende Verkäufer hatten alle Hände voll zu tun, die geplünderten Regale aufzufüllen. Frank blieb immer in der Nähe seines Wagens und hielt die Augen offen, nachdem er gesehen hatte, wie andere Vorsorger sich an scheinbar herrenlosen Wagen bedient hatten, um noch eine Palette Vollmilchschokolade oder Konserven zu ergattern. Bei Saturn kaufte er sich noch schnell eine zweite Gefriertruhe.
Man konnte ja nie wissen.

T-Minus 49 Tage … Ausnahmezustand
Unbestätigten Meldungen zufolge ist es in weiten Teilen der Welt zu Übergriffen von Plünderern gekommen, welche die Angst vor der weltweiten Grippepandemie ausnutzen. Die Gewalttätigkeit der Plünderer gegen Ordnungskräfte, aber auch untereinander ist dabei so groß, dass wir Ihnen leider keine Bilder zeigen können. Es wird aber von zahlreichen Verletzungen berichtet, die auch durch Bisse der unglaublich aggressiven Plünderer verursacht wurden. Das Auswärtige Amt rät derzeit von Reisen nach Amerika, den Westen Russlands und nach China ab. Innerhalb der Europäischen Union sei die Lage aber noch stabil, und Reisen problemlos möglich.
Weitere Meldungen …
(Bericht aus der Tagesschau der ARD)

T-Minus 45 Tage … Kriegsrecht
Alle Fluglinien canceln ihre Flüge in folgende Länder: England … Frankreich … Italien … Polen … USA … Ausnahmezustand verhängt … EU-Innenminister einigen sich auf allgemeinen Ausnahmezustand in allen Ländern der EU … Um Versorgungsengpässe zu verhindern, werden NATO-Einsatzkräfte an den Brennpunkten eingesetzt, um Trinkwasser und Notrationen zu verteilen … Ausgangssperre ab 19:00 Uhr in folgenden Städten … Frankfurt … Berlin … Köln …
(Per SatWas während einer Sondersendung aller öffentlich-rechtlichen Sender als Laufschrift eingeblendet)

Das Dach von Franks Elternhaus zierte eine Solaranlage, die er schon vor mehreren Jahren, als seine Eltern noch lebten, dort installiert hatte. Sie erzeugte an hellen Tagen soviel Strom, dass sich ihre Anschaffungskosten schnell wieder amortisiert hatten. Einen Teil des zweiten Kellergeschosses hatte er damals für drei Monsterbatterien vom gleichen Typ ausgebaut, wie er laut Herstellerangaben auch in U-Booten Verwendung fand. Sein Vater hatte den Kopf geschüttelt, und ihn gefragt, ob er noch ganz dicht im Kopf sei, so viel Geld für diesen neuartigen Schnickschnack auszugeben.
Frank hatte damals gelächelt.
»Weißt du Paps, die Dinger haben mich kaum etwas gekostet. Die bekommst du teilweise sogar im Internet gebraucht zu kaufen. Du musst nur wissen wo.«
»Und was sollen wir mit dem ganzen Mist?«
»Paps, wenn wir die alle vernünftig aufladen, können wir die ganze Hütte wie einen Christbaum mit 1000-Watt-Leuchten für etwa eine Woche erstrahlen lassen, ohne einen einzigen Cent Stromkosten zu zahlen.«

T-Minus 25 Tage … Chaos
… folgende Notstationen sind noch intakt … Deutz, Gymnasium Schaurtestraße … Lanxess Arena … Jahnwiesen … Rheinenergie Stadion … alle anderen Notstationen sind bis auf Weiteres geschlossen … bitte bleiben Sie zu Hause … verriegeln sie Fenster und Türen … legen Sie Wasservor-räte an … NATO-Einsatzkräfte ziehen sich zurück … meiden Sie den Kontakt mit Infizierten und Reanimierten …
(Laufschrift eines öffentlich-rechtlichen Lokalsenders unter einem Testbild)

Frank blickte entsetzt aus einem Fenster im oberen Stockwerk auf die nächtliche Straße. Menschen, wenn es denn noch Menschen waren, fielen in dem kleinen Vorortviertel von Köln übereinander her, krallten ihre Finger in Augenhöhlen, gruben ihre Zähne in warmes Fleisch … und direkt gegenüber vom Haus kauerte Dietmar Hellmers, der Ortsvorsteher des Viertels, im Rinnstein vor seinem kleinen Einfamilienhaus. Er kaute auf einem menschlichen Bein herum, als sei es ein besonders kross gebratener Hühnerschenkel. Dem Schuh und den blutigen Fetzen bunter Kniestrümpfe nach zu urteilen, war es ein Bein seiner Enkelin, aber Frank war sich nicht sicher. Der Rest des grausigen Mitternachtssnacks zuckte als blutiges Bündel vor Hellmers auf dem kalten Asphalt herum. Glücklicherweise war die Straßenbeleuchtung größtenteils ausgefallen, sodass Frank weitere Details erspart blieben.
Er ließ so leise wie möglich die Rollos herunter, als ein dumpfes Pochen von der Haustür nach oben schallte. Vorsichtig schlich er in den Hausflur. Ein Blick durch den Türspion, und vor Schreck fiel Frank beinahe ohnmächtig um.
Es war seine Tante Martha, die da vor der Tür stand. Sie sah aus, als wäre sie nur auf einen kleinen Snack vorbeigekommen. Ihre rechte Schulter war nur noch ein Stück angekautes Fleisch, das Schultergelenk eine weiße Kugel in roter Masse. Ihre linke Wange war so weit heruntergefressen, dass ihr Auge beinahe aus der Höhle fiel. Stöhnend pochte sie gegen die Haustür. Frank befürchtete, dass sie noch mehr von diesen Dingern anlocken würde. Die Ersten blickten schon dumpf die Straße entlang zu seiner Tür. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Mit zitternden Fingern griff er nach seinem Baseballschläger, öffnete die Tür und ließ seine Tante eintreten.
Dann gab er ihr den letzten Frieden.
Es war eine fürchterliche Sauerei, und es dauerte länger, als es Frank lieb war.
Aber schließlich zuckte sie nicht mehr.
Er zerrte ihre Leiche in den Flur, vergewisserte sich mit einem schnellen Blick, dass keiner von den anderen da draußen etwas von dem Spektakel mitbekommen hatte, und schloss die Tür wieder. Anschließend verbarrikadierte er sie mit den neu angeschafften Sicherheitsbalken. Mit zit-ternden Gliedmaßen sank er neben Tante Marthas leblosem Körper zu Boden und weinte und kotzte und hoffte, dass dies alles nur ein böser Traum sei.
Doch der Geruch von Tante Martha holte ihn schließlich zurück in die Gegenwart. Nicht dass er ihr Parfüm zu Lebzeiten besonders gemocht hätte, aber das, was sie heute Abend aufgelegt hatte, war einfach eine zu starke olfaktorische Herausforderung für ihn.
Vielleicht Fäulnis exklusiv, der neue Duft von Chanel?
Die Mauer aus albernen Gedanken und Assoziationen, die Frank als Schutz um sein Denken herum aufgebaut hatte, bekam in einem zittrigen Laut, der zugleich hysterisches Lachen und panisches, atemloses Schreien war, Risse. Die Realität rollte mit ungeahnter Wucht über ihn hinweg. Zurück blieb nach einem kurzen Gefühlschaos nur noch eine betäubte Leere in seinem Denken und Fühlen. Wie ein Schlafwandler zog er Tante Marthas Leiche in den Garten hinter dem Haus, der glücklicherweise von einer hohen Mauer umgeben wurde. Dann wischte er die Sauerei im Flur weg, holte eine Schaufel aus dem Gartenhäuschen, und begann im Licht des Vollmondes zu graben.
Mechanisch.
Als er bis zu den Knöcheln in der Grube stand, reckte er sich. Sein Blick glitt über die Terrasse hinweg auf das Holzkreuz, das wie ein dunkler Blickfang über der Wohnzimmertür hing. Es war ein Erbstück seiner Eltern, die in ihren Werten streng katholisch gewesen waren, es aber nie geschafft hatten, ihm die gleiche Hingabe an die Religion zu vermitteln. Er wollte es schon längst entsorgt haben, aber irgendwie hatte er die Umsetzung dieses Entschlusses immer wieder vor sich hergeschoben. Frank sah genauer hin. Der gepeinigte Jesus blickte finster auf ihn hinab. In Erlöserlaune war der bestimmt nicht, egal was seine Eltern immer behauptet hatten. Und in diesem Moment wurden Frank mit aller Deutlichkeit einige wichtige Fakten bewusst: Das alles war kein Traum, es gab nirgendwo einen Regisseur, der laut »CUT!« rief, es waren definitiv keine Komparsen mit jeder Menge Latex im Gesicht, die da durch das kleine Kölner Viertel auf der schäl Sick herumstromerten und auch keine normalen Plünderer, die sich schnell ein paar Schätze für die Zeit nach dem Desaster sichern wollten. Fakt war vielmehr, dass der große, alte Mann da oben, sofern es ihn wirklich gab, die Nase voll hatte von Kriegen, Umweltverschmutzung, Börsencrashs und all dem anderen schwachsinnigen Zeugs, das seine Schöpfung da auf seine Welt losgelassen hatte. Also war Gott letzten Endes zu dem Schluss gekommen, dass es besser wäre, seine Geschöpfe den Lokus runterzuspülen, um nochmal von vorne zu beginnen. Vielleicht wäre das Programm Dinosaurier 2.0 eine gute Alternative?
Unbewusst verfiel Frank in ein atemloses Dankgebet an alle Heiligen, das ihm seine Mutter als Kind beigebracht hatte. Eigentlich glaubte er ja nicht an diesen Hokuspokus, aber schaden konnte es ja auch nicht. Er dankte ihnen allen für die frühzeitige Vision, die ihn dazu veranlasst hatte, sein Haus rechtzeitig zu einer kleinen Festung auszubauen und sich ordentlich Vorräte anzulegen. Wenn er sich nur tief genug in sein Schneckenhäuschen zurückzog, würde der da oben ihn bestimmt übersehen, und dann hätte er gute Chancen, Ar-mageddon unbeschadet zu überstehen.
Er war kurz vor dem Amen und bei den letzten Schaufeln Erde für Tante Marthas definitiv letzte Ruhestätte angekommen, als der Strom aus seiner Solaranlage ausfiel.
Letzten Endes sah Gott eben doch alles.
Auch U-Boot Batterien, die in einem zweigeschossigen Keller lagerten.

T-Minus 0 Tage …
Sechs Tage brauchte der Herr, um die Erde, den Himmel, die Menschheit und alles Getier zu erschaffen. Am siebten Tag ruhte er, und der Mensch machte sich in seinem Größenwahn Gottes Werk zu eigen. Jetzt ist Gott von seinem freien Tag zurückgekehrt. Und jetzt ist der achte Tag seiner Schöpfung angebrochen. Die Apokalypse.
(Graffiti auf einer Kirchenmauer in Köln)

Kapitel II
Einkaufsbummel

Frank saß in seinem Auto und lauschte den Klängen des Lieds Bittersweet Symphony von The Verve. Die Streicher des Orchesters webten einen Klangteppich, auf dem die Stimme des Sängers in melancholischer Gleichmütigkeit in das Halbdunkel der Garage schwebte. Durch eine Reihe schmaler Fenster fielen Lichtstreifen in die staubige Luft. Metallplatten lehnten an den Wänden. Neben einer Treppe, die zum Wohnhaus führte, stand ein Rollwagen mit ölverschmiertem Werkzeug, direkt daneben drei Druckgasflaschen und ein dazugehöriges Schweißgerät.
Frank hatte seinen Wagen so gut es ging gepanzert. Dach, Außenseiten und Motorhaube schützen Metallplatten, vor jeder Scheibe hatte er Drahtgitter angebracht und ein ge-waltiger Rammschutz thronte vor dem Kühlergrill. Am vorderen Ende der Kühlerhaube glitzerte der metallische Stern des Wagens wie das Zielkreuz eines Jagdbombers aus dem Zweiten Weltkrieg. Frank hatte es nicht übers Herz gebracht, ihn abzumontieren. Das Lenkrad wurde von schwarzem Leder überzogen, in das Armaturenbrett war dunkles Nussholz eingelegt, das Furnier glänzte im Licht der Innenraumbeleuchtung. In der Mittelkonsole gab es keinen Schaltknüppel. Eine CD-Anlage mit einem Bildschirm und ein elektronischer Ziffernblock nahmen diesen Platz ein. Auf dem Beifahrersitz lagen eine Maschinenpistole mit Schalldämpfer, eine Pistole und einige Magazine für beide Waffen.
Frank atmete tief durch. Er trug einen Helm und darunter eine feuerfeste Rennfahrerschutzmaske. Ein Overall mit zahlreichen Sponsorennamen und Firmenlogos bedeckte seinen Körper bis zum Hals, sodass außer seinen Händen sein gesamter Körper geschützt war. Er sah sich noch einmal um, zögerte den Moment hinaus, in dem er das Garagentor öffnen würde. Die Tür zum Haupthaus war verriegelt und mit zahlreichen Querbalken gesichert. Eine weitere Tür aus dichtem Drahtgitter schützte sie zusätzlich.
Ein Seufzen erklang unter dem Helm. Es gab kein Zurück mehr. Er musste erneut sein Haus verlassen. Frank zog sich ein paar Rennfahrerhandschuhe an, gewissenhaft darauf achtend, dass kein Stück Haut frei blieb. Dann tippte er einen Code in das Zahlenfeld auf der Mittelkonsole des Wagens, drückte einen Knopf und der Motor sprang mit einem dumpfen Grollen an. Auf einen weiteren Knopfdruck öffnete sich langsam das Garagentor und gab den Blick auf eine Gruppe Reanimierter frei, die dumpf in Franks Richtung blickten.
In der Wange einer älteren Frau, die einen Kittel trug, klaffte ein ausgefranstes Loch. Ihre Backenzähne waren weiße Felsen im fauligen Meer ihres Mundes. Die Beine der Frau steckten in knielangen Nylonstrümpfen, die mehrere lange Laufmaschen hatten. Ihrem Nebenmann, der in einem halb offenen Morgenmantel vor der Garage stand, fehlte ein großes Stück Fleisch im Nacken- und Schulterbereich. Er hielt eine Kaffeetasse und eine zusammengerollte Tageszeitung in den Händen. Der Untote wedelte unbeholfen mit der Zeitung und es sah aus, als wolle er einen Hund zurechtweisen, der auf den teuren Teppich gepieselt hatte. Ein anderer Mann trug einen Blaumann mit dem Emblem der Stadtwerke Köln auf der Brust. Knapp unter seiner Brusttasche klaffte ein blutiges Loch in seinem Bauch. Seine Därme hingen wie dicke, graue Bratwürste heraus. Ein weiblicher Zombie in einem blutverschmierten Hochzeitskleid wollte sich in die erste Reihe der Menge drängeln, als ginge es um den besten Platz an einem gerade eröffneten kalten Buffet.
Dantes Kreaturen der Hölle hatten sich vor Franks Haus zu einem spontanen Happening versammelt. Er schluckte trocken, nahm den Fuß von der Bremse und der Wagen raste durch die Menge. Dumpf prallten die Körper auf das Metall des Wagens. Torkelnd wandte sich die Menge um, Hände streckten sich in verzweifelt wirkenden Gesten nach dem Wagen. Ein Mann in einem dunklen Geschäftsanzug griff im Fallen mit einer Hand nach der hinteren Stoßstange. Der Wagen schleifte ihn über den Asphalt, bis einer seiner Füße, die in teuren Kalbslederschuhen steckten, an einem Kanaldeckel hängen blieb. Ein schmatzender Laut, dann hing der Ärmel des Jacketts wie ein dunkles Segel bei Windstille auf den Boden herab. Verblüfft blickte der Geschäftsmann seinem nackten Arm hinterher, der immer noch an der Stoßstange hing. Unbeholfen versuchte er sich mit dem verbliebenen Arm aufzurichten, ohne dabei seine Aktentasche loszulassen. Ein letztes Souvenir, aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben. Ächzend und stöhnend wandte sich die restliche Meute um, folgte schlurfend dem Auto, das um eine Ecke bog.
Frank ging auf Einkaufsbummel im entvölkerten Köln und die Toten wankten hinter seinem Wagen her.

Kapitel III
Sandra

Nach einer rasanten Fahrt durch menschenleere Straßen voller Autowracks und Müll kam Frank an die Auffahrt der Severinsbrücke. Er bremste den Wagen ab, schaltete erst die Musik aus, dann den Motor. Vor ihm schlängelte sich eine erstarrte Lawine aus Blech die Brücke entlang. In Richtung Außenbezirke war der Stau zwar größer und dichter, aber auch in Richtung Innenstadt hatten sich während der großen Panik einige Flüchtlinge verirrt. Eine Straßenbahn der Linie 4 stand mitten auf der Brücke. Frank sah Schemen hinter den staubigen Scheiben. Auf beiden Fahrbahnseiten der Brücke gab es reichlich Versteckmöglichkeiten für die Reanimierten.
Oder Ghoule?
Oder Zombies?
Der abkühlende Motor tickte leise, während Frank den vor ihm liegenden Weg ausspähte. In dem Mercedes, der direkt am Stauende der Brückenauffahrt stand, regte sich was. Das war Heinrich, wie Frank ihn bei einem seiner letzten Erkundungsausflüge getauft hatte. Zu Lebzeiten schon ein Hut- und Mantelfahrer, der seinen auf Hochglanz polierten und scheckheftgepflegten Wagen nur bei Sonnenschein ausführte, war Heinrich jetzt dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit in seinem Liebling auszuharren.
Frank hatte während seiner Expeditionen allmählich erkannt, dass die Reanimierten zwar gefährlich, aber nicht sonderlich schnell oder helle im Kopf waren. Durch ihren Tod hatten sie offenbar viele Erinnerungen und einen großen Teil ihrer Feinmotorik eingebüßt. Gefährlich wurden sie, wenn man leichtsinnig wurde, oder sie in Scharen auftraten. Heinrich drehte sich in seinem Sitz so weit herum, dass er durch die Heckscheibe Frank in seinem Wagen sehen konnte. Heinrichs Mund öffnete sich, seine linke Hand griff verzweifelt nach dem frischen Stück Fleisch, das so nah, und doch unerreichbar fern für ihn war. Der obligatorische Wackeldackel, der sich den Platz auf der Hutablage mit einer umhäkelten Klopapierrolle teilte, nickte Frank versonnen zu.
Ja, das Leben konnte selbst nach dem Tod noch grausam sein. Man bekam eben nie das, was man verdiente oder sich sehnlichst wünschte.
Frank sah genauer hin. Heinrichs Hut hing sehr tief in dem eingefallenen Gesicht, dessen Haut wie altes Pergament über erschlafften Muskeln herabhing. Beim letzten Mal hatte er … irgendwie frischer gewirkt.
Verwesten die Viecher am Ende doch?
Wenn ja, so dauerte es aber länger, als Frank es für möglich gehalten hätte. Dreißig Tage dauerte der Kampf gegen die Grippe bereits an, als die ersten wandelnden Leichen gesichtet worden waren. Das war fast zwei Monate her. Wie lange brauchte eine Leiche, bis sie nur noch Matsch war? Oder würden sie irgendwann austrocknen, wie die alten Mumien ägyptischer Pharaonen? Würden sie dann endlich Ruhe geben?
Auf alle Fälle dauerte es zu lange.
Frank schnallte sich ab und verfluchte den Hersteller der Batterien. Eine hatte schon am ersten Tag des großen Stromausfalls den Geist aufgegeben. Die Zweite an jenem denkwürdigen Abend, den sich seine Tante für ihren Besuch bei ihm ausgesucht hatte. Nur die Dritte der ach so hochgelobten U-Boot-Batterien für den heimischen Solarstrom konnte er verwenden. Aber die Solaranlage auf dem Dach war zu schwach, sie vernünftig aufzuladen.
Deswegen saß er jetzt hier.
Wieder einmal.
Seine Tiefkühltruhen waren aufgetaut, die letzten der tiefgekühlten Lebensmittel endgültig verdorben. Er hatte nur noch Konserven, die er sich nicht einmal warm machen konnte, weil die Gaswerke auch nicht mehr arbeiteten, und er so dumm gewesen war, nur auf seine Solaranlage als Energieversorgung zu setzen. Seufzend zog er den Helm und die Schutzmaske aus. So gern Frank beides anbehalten hätte, aber der Helm verringerte sein Sichtfeld und dämpfte verdächtige Geräusche.
Das hatte er gelernt, als er vor zwei Wochen zum ersten Mal die Häuser in dieser Gegend nach Lebensmitteln oder brauchbarer Ausrüstung durchsucht hatte. Eines von diesen Dingern war aus einer offenen Wohnungstür direkt neben ihm herausgekommen. Frank hatte den Zombie im Hausmeisterkittel erst bemerkt, als dieser ihn von hinten mit einer Hand an der Schulter gepackt hatte, um sich ein Häppchen Frank zu genehmigen. Nach einem kurzen Gerangel war es Frank gelungen, den Untoten über das Treppengeländer zu stoßen. Bis zum Aufschlag auf Höhe der Kellertreppe blieb der Hut auf dem Kopf des Zombies, als sei er festgeklebt gewesen. Seitdem trug Frank den Helm nur noch, um bei einem eventuellen Autounfall während einer Expedition so gut wie irgend möglich abgesichert zu sein.
Mit einer fahrigen Bewegung strich er sich über seine kurz geschorenen Haare. Noch etwas, was er durch die kurze Begegnung mit Hausmeister Krause gelernt hatte. Sollte es zu einem Nahkampf mit einem von diesen Dingern kommen, wollte er verhindern, dass es sich in seinen Haaren festkrallen konnte. Die Zombies mochten vielleicht langsam sein, aber wenn sie einen erstmal zu packen beka-men, war es verflucht schwer, sie wieder loszuwerden.
Im Rückspiegel sah er die ersten Untoten aus ihren Verstecken kommen, angelockt durch den Lärm seines Wagens. Sie wankten unbeholfen, und nicht wenige der Ghoule krochen sogar auf abgenagten Beinstümpfen. Aber sie wirkten ebenso fest entschlossen wie eine Horde Hausfrauen auf der Jagd nach einem Schnäppchen beim Sommerschlussverkauf. Diesen kleinen Imbiss wollten sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.
Frank stieg aus und ging vorsichtig zum Kofferraum des Wagens … und zuckte mit einem leisen Fluch zurück. Er stellte sich breitbeinig über den Arm, der an der Stoßstange hing, öffnete die Klappe und hievte eine Konstruktion heraus, die eine wirre Mischung aus Ghettoblaster und Lkw-Batterie war. Ächzend stellte er die Konstruktion auf den Boden. Die ersten wandelnden Leichen waren schon gefährlich nahe.
Frank kontrollierte noch einmal die Spannung der Batterie, prüfte den Ghettoblaster und die eingelegte CD. Dann stieg er schnell wieder ins Auto. Er fuhr den Wagen nur wenige Meter weiter in eine Seitenstraße und parkte ihn so, dass er seine Konstruktion gut im Auge behalten konnte. Dann holte er aus dem Handschuhfach eine Fernbedienung. Die ersten Ghoule wankten in der Nähe des Kastens herum. Sie suchten scheinbar nach Frank. Er hielt den Atem an und drückte auf die Fernbedienung. Die ersten Takte von Henry Mancinis Theme from a summer place wehten über die verlassene Straße.
Einkaufsmusik.
Aber seine Mutter hatte diesen Song geliebt.
Gebannt wartete Frank, ob sein Plan funktionieren würde.
Die Streicher setzten mit ihrem sanften Klang ein, und tatsächlich … die Ghoule hielten inne! Verwirrt schauten sie sich um, nicht wenige blickten hoch in den Himmel … und dann erstarrten sie.
Frank schluckte.
Die Dinger lauschten wahrhaftig der Musik! Einige schwankten sogar leicht hin und her, die Augen geschlossen … Gab ihnen die Musik etwa den Frieden, den sie im Leben nach dem Tod nicht finden konnten? Weitere der Wesen strömten heran, kamen aus Hauseingängen, aus Seitenstraßen und von der Brücke herunter, nur um plötzlich stehen zu bleiben, und der Musik zu lauschen.
Frank atmete tief durch. Jetzt kam es darauf an. Mit so einem durchschlagenden Erfolg seines Plans hatte er nicht gerechnet.
Ablenkung?
Ja.
Verzückung?
Niemals!
Egal! Das, was hier passierte, war wesentlich besser, als eine reine Ablenkung. Er griff nach seinen Waffen, öffnete leise die Fahrertür und stieg aus.
Keine Reaktion.
Er schloss so leise wie möglich die Autotür. Selbst die Zombies, die nahe genug waren, um ihn zu bemerken, schlurften wie Schlafwandler in Richtung der Musik, ohne ihn zu beachten. Langsam ging Frank auf die Einmündung der Straße zu, immer bereit, den sofortigen Rückzug anzutreten, wenn die Lage sich doch noch zuspitzen sollte. Jetzt hatten beinahe alle anwesenden Untoten die Köpfe in den Nacken gelegt und starrten in den hellen Sommerhimmel. Immer noch strömten weitere von ihnen auf die Straße, viele blieben einfach dort stehen, wo sie die Musik zum ersten Mal vernommen hatten. Sie sahen aus, als wären sie in einer verzückten Trance gefangen.
Frank schlich die nächste Seitenstraße entlang, weg von den erstarrten Zombies, zu der Schule, die während der Krise zu einem Lager der Noteinsatzkräfte umfunktioniert worden war. Er hatte sie während seiner letzten Expeditionen wegen ihrer Größe ebenso gemieden, wie das Einkaufscenter an der Kalker Hauptstraße, und sein Glück lieber in kleinen Häusern versucht. Ein Einkaufscenter machte sich vielleicht in Filmen als Versteck gut, aber im realen Leben war das seiner Meinung nach tödlicher Schwachsinn. Wie hätte er so ein großes Gebäude denn im Alleingang jemals ausreichend sichern können? Ein Einkaufsbummel in dem Center wäre für ihn zudem sinnlos gewesen, weil es dort keinen Camping- oder Outdoorshop gab. Alle anderen Lebensmittel, die dort vielleicht noch zu finden wären, waren bestimmt schon verdorben und Konserven hatte er genug. Damit würde er bei strenger Rationierung noch einige Zeit hinkommen. Was er aber benötigte, waren Batterien für sein altes Kofferradio und vielleicht einen kleinen Campingkocher. Er mochte zwar Eierravioli und mexikanischen Feuertopf aus der Dose, aber bitte etwas wärmer, als nur zwei Grad über der Betriebstemperatur eines herkömmlichen Speiseeises.
Also hatte er es zuerst in den Häusern der näheren Umgebung versucht. Vergeblich. Danach hatte er immer längere Wege auf sich genommen, und war zuletzt bis hierher nach Deutz gelangt. Aber egal wo er auch sein Glück versuchte, er fand keine brauchbare Ausrüstung. Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als sich für das vermeintlich kleinere Übel der Schule zu entscheiden. Die Flure der umfunktionierten Schule waren bestimmt enger als die Gänge in einem Einkaufscenter, aber dort hoffte er auf größere Chancen, sich mit weiterer Ausrüstung eindecken zu können. Vielleicht fand er sogar ein paar der Notrationen, die die Bundeswehr ihren Männern für den Feldeinsatz mitgab, und die hier vor dem totalen Zusam-menbruch an die Bevölkerung verteilt worden waren.
Er kam an die große Glasflügeltür der Schule. Dahinter herrschte trotz des hellen Tages nur Dämmerlicht. Er konnte keine verdächtige Bewegung entdecken.
Ein letzter Blick in die Runde.
Die Zombies lauschten am anderen Ende der Straße immer noch den Klängen der Musik. Hoffentlich wurden es nicht noch mehr, denn die Letzten in der Meute standen schon gefährlich nah an seinem Wagen. Er hätte ihn vielleicht doch weiter weg parken sollen. Vorsichtig zog er die Tür zum Hausflur der Schule auf und spähte in die geräumige Vorhalle. Links und rechts führten zwei Treppen in die oberen Stockwerke. Der Platz in der Mitte war frei, wenn man von dem Müll absah, der auf dem Boden herumlag. Das Licht von der Straße verlor sich in den Tiefen der Vorhalle. Überall waren Ecken und Nischen voller Schatten.
Verdammt!
Er hatte seine Taschenlampe vergessen!
Zurück?
Nein, das war keine Alternative.
Lauschen.
Nichts zu hören. Frank ging vorsichtig weiter, die Augen in ständiger Bewegung. Plötzlich krachte es hinter ihm.
Die Tür!
Er hatte sie zufallen lassen!
Frank wirbelte herum, sah etwas aus den Schatten auf sich zufliegen und ein Schlag erschütterte seinen Kopf. Seine Beine wurden schwach, Decke und Boden tauschten die Plätze und sein Blickfeld schrumpfte.
Dann war da nur noch gnädige Dunkelheit.

Zuerst war da nur ein dumpfes Pochen. Vergleichbar mit einer Horde Zwerge auf schlechtem Ecstasy, die sein Hirn malträtierten. Dann kam ein stechender Schmerz hinzu, der sich bis in die Rückseiten seiner Augäpfel bohrte. Sprengten die Zwerge da gerade neue Tunnel in seinen Kopf? Frank stöhnte auf. Auf seiner Zunge spürte er einen intensiv blauen Geschmack.
Blauer Geschmack?
Gehirnerschütterung.
Das musste es sein. Niemand konnte einen blauen Geschmack auf der Zunge haben. Erinnerungen wehten als Nebelfetzen durch sein Denken, wollten die Sicht auf die vagen Schatten dahinter nicht freigeben. Dann die jähe Erkenntnis.
Er war unterwegs!
Er war angefallen worden!
Ein entsetztes Wimmern kroch seinen Hals empor, ein Laut der Angst, den schon seine Vorfahren in der Steinzeit von sich gegeben haben mussten, wenn ihnen ein Säbelzahntiger über den Weg gelaufen war. So schnell er konnte rappelte er sich auf die Knie, die wässrige Schwere seiner Arme und Beine ignorierend, die Zwerge in seinem Kopf verfluchend. War er etwa jetzt einer von ihnen? Fühlte man sich so, wenn man reanimiert worden war?
»Hübsch langsam, mein Freund«, erklang eine helle Stimme neben ihm. Langsam drehte er den Kopf und sah im Dämmerlicht zwei schlanke Beine in dunklen Hosen und abgewetzten Lederstiefeln. Sein Blick wanderte langsam höher. Eine schmale Taille, darüber ein ebenfalls schwarzes T-Shirt, das oberhalb eines flachen Bauches eindeutig gut gefüllt war. Zwischen der üppigen Füllung des Shirts glotzte ihn das dunkle Auge seiner eigenen Maschinenpistole an.
»Wenn du kotzen willst, dann mach es jetzt und hier. Oben sind zwar Toiletten, aber die Spülkästen sind leer.«
Aus einer dichten Mähne feuerroten Haares blitzten zwei katzengrüne Augen auf. Sommersprossen tanzten auf milchig blasser Haut um eine gerümpfte Nase.
»Ich bin keiner von denen.« Frank erkannte seine eigene Stimme nicht wieder. »Könntest du also bitte das Ding in irgendeine andere Richtung halten?«
»Wenn du einer von denen wärst, wäre dein Gehirn gerade auf dem Weg in einen geostationären Orbit.«
»Und warum dann das da?« Frank deutete betont langsam auf die Waffe. Nur keine falsche Hektik an den Tag legen!
»Du könntest ein Plünderer sein.«
»Plünderer? Ich? Ich bin ein Überlebender auf der Suche nach Ausrüstung und Essen.«
Die Rothaarige nickte.
»Sag ich doch. Ein Plünderer. Wo sind deine Kumpane?«
»Ich habe keine Kumpane. Ich bin alleine.«
Die Frau schien nicht sonderlich überzeugt zu sein. Langsam trat sie einen Schritt zurück, die Waffe immer noch auf Franks Kopf gerichtet.
»Und was sollte das Open Air da draußen? Wolltest du von diesen Dingern etwa Eintritt verlangen?«
»Nein. Ich habe festgestellt, dass sie vor allem auf Geräusche und Bewegung reagieren. Geräusche scheinen aber einen größeren Reiz auf sie auszuüben. Deswegen die Musik. Ich wollte sie ablenken.«
Ein leises Lachen.
»Und da hattest du nix besseres im Repertoire, als diese dünnbrüstige Einkaufsmucke? Nix Härteres? AC/DC oder Iron Maiden vielleicht?«
»Es war eines der Lieblingslieder meiner Mutter.«
»Oh!«
»Darf ich aufstehen?«
Die Frau zögerte. Dann nickte sie und ließ die Waffe sinken. Nur ein wenig, aber immerhin ein Anfang. Frank stand auf und verzog das Gesicht. Die Zwerge in seinem Kopf legten eine Extraschicht ein.
»Ich bin Frank. Frank Martinsen.«
»Sandra.«
Frank neigte fragend den Kopf.
»Einfach nur Sandra?«
»Willst du mich etwa heiraten und machst dir Sorgen um deinen neuen Nachnamen?«
»Nein, nat…«
»Also«, fuhr ihm Sandra ins Wort. »Ich Sandra, du Frank. Ende der Vorstellung.«
Frank sah sie jetzt etwas besser, obwohl das Licht, das durch die Fenster einfiel, nur sehr schwach war. Sandra schien höchstens Mitte zwanzig zu sein, und hatte eine verdammt aufregende Figur. Erst jetzt bemerkte er, dass sie immer noch im Hausflur der ehemaligen Berufsschule waren. Draußen wurde es allmählich dunkel und …
Dunkel?
Wo war die Musik?
»Wie lange war ich weg?«
»Gut und gerne vier bis fünf Stunden. Warum?«
»Wann ist die Musik ausgegangen?«
»Zehn Minuten, nachdem ich dir einen technischen Knock-out verpasst habe. Ich habe das Gedudel beendet.«
Frank schluckte.
»Wie?«
Sandra grinste schief und hob die Waffe leicht an.
»Scheiße!«, rief Frank. »Wie sollen wir hier ohne Probleme rauskommen? Hast du darüber mal nachgedacht?«
»Hast du mal darüber nachgedacht, dass du nicht der Einzige auf der Suche nach Futter bist? Deine Scheißmusik konnte man bis auf die andere Rheinseite hören. Bist wohl doch ein Plünderer, und wolltest deine Kumpel herlotsen!«
Die Waffe ruckte wieder hoch. Frank hob langsam die Hände.
»Sandra, ich bin kein Plünderer. Ich habe ein Haus in Ostheim. Vor diesem ganzen Mist habe ich es so gut es ging gesichert, eine dicke Solaranlage auf dem Dach und im Keller drei verfluchte Batterien, die den Geist aufgegeben haben. Meine Tiefkühltruhen sind aufgetaut. Deswegen bin ich hier. Ich suche Vorräte, um diese ganze Sache irgendwie zu überstehen.«
»Ah ja. Und deine beiden Zimmerflaks hatte der Aldi letzten Monat im Angebot, nicht wahr? Ach nein! Das war ja der Baumarkt, der die Dinger plötzlich in seinem Sortiment führte.«
Frank atmete tief durch. Adrenalin pumpte heißkalt durch seine Adern. Ein unangenehmes Kribbeln hatte sich in seinem Bauch festgesetzt.
»Die Waffen habe ich einem Polizisten abgenommen.« Sandra hob die Augenbrauen, senkte die Waffe aber nicht. »Er war schon tot. Oder untot. Wie auch immer.«
»Aha. Hast du ihm denn was von Roger Whittaker vorgeträl-lert, oder hast du lieber zu einem Hit von James Last ge-griffen, damit du an ihn rankommen konntest?«
»Weder noch. Er torkelte stundenlang um mein Haus herum. Sein rechter Arm war …« Frank schluckte, bevor er fortfuhr.
»Ich habe mich von einem Fenster aus auf die Lauer gelegt, und ihm mit einer Druckluftnagelpistole eine in den Schädel verpasst.«
»Du hast ihn also festgenagelt?«
»So ungefähr. Ja.«
Langsam sank die Mündung der Maschinenpistole nach unten. Sandra schien immer noch skeptisch, aber ihre Feindseligkeit wich einer großen Müdigkeit.
»Ich hänge hier drin schon seit drei Wochen fest. Du bist der erste Normale, den ich treffe. Wenn du ein Plünderer wärst … « Sie ließ den Satz unvollendet und zuckte nur mit den Schultern.
»Und wie machen wir jetzt weiter?«, fragte Frank.
Sandra schulterte die Waffe, und ihr Zeigefinger deutete wie ein Dolch auf Franks Brust.
»Regel Nummer Eins: Auch wenn ich ziemlich pralle Möpse habe, kann ich mich wehren. Gucken darfst du, wenn‘s nicht zu aufdringlich wird. Anfassen kostet dich mindestens einen Finger.« Frank nickte nur. »Regel Nummer Zwei: Hier bin ich der Boss. Du bist nur zu Besuch. Regel Nummer Drei: Wenn du gebissen wirst oder sonst irgendeine Scheiße versuchst, male ich mit deinem Spatzenhirn ein Rohrschachtmuster auf die nächstbeste Tapete.«
Frank deutete auf seine erbeutete Dienstwaffe, die in Sandras Hosenbund steckte.
»Bekomme ich die wenigstens zurück?«
Sandra schnaubte ein Lachen.
»Vergiss es. Und jetzt komm mit nach oben. Wenn es dunkel wird, sind die da draußen besonders gefährlich.«
Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, ging sie voraus und die breiten Treppen nach oben. Frank zögerte noch einen Moment, dann folgte er ihr mit einem tiefen Seufzen.

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