Einige Zeit vor den Ereignissen, die in Gottes letzte Kinder geschildert wurden, stirbt Martins Freundin in seinen Armen. Als er Hilfe für sie sucht, stellt man fest, dass er gegen das weltweit grassierende Virus offenbar immun ist. Man betäubt und verschleppt ihn, um ihn weiteren Untersuchungen zu unterziehen.
Als Martin erwacht, ist die Welt, wie er sie kannte tot, und er ist in einem provisorischen Krankenzimmer eingeschlos-sen. Auf seiner Flucht findet Martin eine kleine Gruppe be-hinderter Kinder, die über merkwürdige Fähigkeiten zu verfügen scheinen.
Aber das ist nicht sein größtes Problem.
Der Stadtteil, in dem er mit den Kindern festsitzt, soll of-fenbar durch thermobare Bomben desinfiziert werden.
Ihnen bleibt nicht viel Zeit. Denn Martin und die Kinder sind für die letzten aktiven Einsatzkräfte …
… die Vergessenen
Kapitel I
Kriegsrecht
Martin erwachte im matten Licht der Nachttischlampe und spürte Karins Körper an seiner Seite. Ein Gefühl, als läge ein Stück weißer Kohle neben ihm. Vorsichtig richtete er sich auf und griff nach dem Fieberthermometer. Karin hustete und Martin schalt sich selber einen Narren. Fiebermessen war so ziemlich das Nutzloseste, was er für Karin tun konnte. Seit fünf Stunden war ihre Körpertemperatur bei konstant neununddreißigfünf. Das Rumpeln eines Lasters hallte durch die Dunkelheit. Martin sah auf die Uhr. Halb vier. Der letzte Wadenwickel lag eine Dreiviertel Stunde zurück. Immerhin. Dreißig Minuten Schlaf am Stück.
Mit einer müden Geste rieb er sich über das Gesicht. Er wollte zippeln und zappeln, sich kratzen und streicheln, seine Finger fingern, seine Knöchel knöcheln lassen.
Martin wollte einen Schuss.
Ein Sniff würde es auch tun, aber ein Schuss wäre besser.
Viel besser!
Nur einen Kleinen, der ihn beruhigen würde, keinen zum Wegdämmern in das Land der Träume und des Vergessens. Er atmete tief durch, kämpfte gegen die Dämonen seines Verlangens an. Ein weiterer Atemzug, und das Verlangen wich langsam zurück. Lauernd wie ein Raubtier auf der Jagd. Er wandte sich zur Seite und strich Karin eine Haarsträhne aus den Augen. Sie waren offen, aber ihr Blick ging in eine Ferne, in die er ihr nicht folgen konnte. Feiner Schweiß stand ihr auf der Stirn und ihr Atem kam in schweren Stößen, begleitet von einem leise gurgelnden Geräusch.
»Liebling? Bist du wach?«
Keine Reaktion. Ob er ihr noch ein Fieberzäpfchen geben könnte? Oder doch besser einen frischen Wadenwickel? Nein, entschied er. Hier konnte nur noch ein Arzt helfen. Martin nahm Karins Hand und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken.
»Halte durch, Kleines. In zwei Stunden ist der Notverkehr wieder erlaubt. Ich werde einen Arzt für dich finden.«
Karins Kopf rollte haltlos in seine Richtung. Ihr Blick war immer noch verschleiert, aber ihre Stimme kam überraschend klar über ihre aufgesprungenen Lippen.
»Vergisses.«
Martin zuckte zusammen. Karin hustete. Zwischen den einzelnen Attacken holte sie röchelnd Luft. Er wollte ihr helfen, sich aufzusetzen, aber sie drückte ihn mit einer schwachen Geste weg.
Vergisses. Dieses eine Wort hatte ihn tiefer getroffen als er es sich selber gegenüber zugeben wollte. Instinktiv blickte er zum Ringfinger ihrer linken Hand. Nackt. Warum auch nicht? Seine eigene Schuld, wenn er seinen Ring immer noch offen zur Schau stellte. Martin schreckte aus seinen Gedanken auf. Karin hatte sich aufgesetzt und sah ihn an.
»Was hast du gesagt?«, fragte er.
Karin schüttelte schwach den Kopf.
»Du hörst mir nie zu. Ständig schwebst du in Gedanken bei der nächsten Story, dem nächsten Sensationsbericht oder deinem Scheißroman.«
»Karin, bitte. Ich –«
»Ich habe dich gefragt, warum du überhaupt zurückge-kommen bist«, fuhr sie ihm ins Wort.
»Ich dachte, du würdest mich brauchen.«
Karin sah ihn mit einem undefinierbaren Blick an. Verlegen sah er weg.
»Und das ist alles? Du dachtest, ich würde dich brauchen?«
Er seufzte. Zwecklos darüber noch ein Wort zu verlieren. Sie war es schließlich gewesen, die ihm den Ring vor die Füße geworfen hatte, bevor die Welt in Richtung Abgrund taumelte. Nicht er. Martin beschloss, dass es besser wäre, das Thema zu wechseln.
»Sobald es geht, fahre ich dich ins Krankenhaus. Du brauchst Hilfe. Ich kann hier nichts mehr für dich tun.«
»Den Weg kannst du dir sparen.«
Er sah sie verwundert an.
»Warum?«
»Ich habe die Seuche. Egal was die auf den Notsendern sa-gen. Du kannst es auch in deinen eigenen vier Wänden krie-gen. Ohne Kontakt zu anderen Menschen.«
Martin schüttelte energisch den Kopf.
»Wenn es dich erwischt hätte, wärst du schon vor Stunden verblutet. Jedenfalls sagen das die Experten im Radio. Außerdem hast du keine Wahnvorstellungen.«
Martin musterte sie misstrauisch.
»Oder etwa doch?«
Karin lachte leise auf.
»Hast du eine Ahnung. Ich habe eben tatsächlich geglaubt, dass wir beide wieder in Spanien sind. Du hast Durchfall und verpestest im gesamten Hotel die Luft. Ich liege am Strand und schaue den braun gebrannten Eingeborenen hinterher.«
Jetzt musste Martin auch lächeln. Ihre Flitterwochen, wie sie das verlängerte Wochenende zu ihrer Verlobung großspurig genannt hatten. Ein Kichern rollte seine Kehle hoch.
»Du hattest diesen mörderischen Badeanzug eingepackt. Den Knallroten, mit dem Ausschnitt vom Hintern bis zum Hals. Ich wollte dich so nicht an den Strand lassen. Aber die spanische Küche …«
Er kicherte und Karins Lächeln wurde breiter, als sie den Satz vollendete.
»Hat dich God save the Queen aus der falschen Körperöffnung pfeifen lassen.«
Für einen Moment vergaß Martin alles um sie herum. Keine Seuche, keine Leichen auf den Straßen … es gab nur sie beide für ihn. Vorsichtig legte er einen Arm um Karins Schultern und genoss das Kitzeln ihrer Haare auf seinem Gesicht. Sie ließ es geschehen und lehnte ihren Kopf bei ihm an.
»Wir hatten auch unsere guten Zeiten, oder nicht?«, fragte er.
»Ja. Die hatten wir wirklich, du rasender Reporter des Un-glaublichen.«
Ja, ihre guten Zeiten. So wie ihr erster Ausflug ins Grüne. Martin lächelte und schloss die Augen. Und das warme Ge-fühl der Vertrautheit brachte ihm die Bilder der Vergangen-heit.
Die letzten Prüfungen hatten hinter ihnen gelegen, der Stress der Abschlussfeier war verflogen, und Karins Blick aus dem offenen Fenster seines Minis war verträumt gewesen. Ver-träumt und erwartungsvoll, was ihnen die Zukunft wohl bringen mochte. Der Wind hatte mit seinen luftigen Fingern in ihrem Haar gespielt. Im Schein der Frühlingssonne war es zu einem Feuer geworden, in dem er ohne mit der Wimper zu zucken verbrennen würde, sollte sie es von ihm erwarten.
Sie waren jung.
Sie waren frisch verliebt.
An einer abgelegenen Stelle hatte er den Wagen abgestellt und sie waren in die Büsche gelaufen. Karins Augen hatten listig gefunkelt. Dann waren sie an eine kleine Lichtung ge-kommen, umschlossen von dichtem Unterholz. Ein Zwinkern und Karins Bluse hatte den Blick auf ihre Brüste freigegeben. Martin hatte sich im siebten Himmel geglaubt, während Karin sich lächelnd an ihn geschmiegt hatte und er …
… schreckte auf.
Verdammt! Er war eingenickt. Karins Wange lag auf seiner nackten Brust. Sie fühlte sich angenehm kühl an. Endlich. Das Fieber war weg. Er atmete auf.
»Karin?«
Keine Antwort. Keine Atemgeräusche. Die Erleichterung wich eisigem Schrecken. Er schüttelte sie sachte.
»Karin?«
Ihr Körper fiel haltlos auf seinen Schoß.
Aus ihren Augen flossen blutige Tränen.
In den Kliniken der Universität zu Köln herrschte Chaos. Martin sah Notbetten im Hauptgang, hustende Menschen, Menschen mit Fieber und Solche, die sich nicht mehr selber auf den Beinen halten konnten. Dazwischen Ärzte, Schwes-tern und Pfleger, die verzweifelt versuchten, Ordnung in das Chaos zu bringen. Martin stand im Eingang und blickte hilf-los umher. In seinen Armen trug er den leblosen Körper Ka-rins. Er sah einen hustenden Mann zwischen zwei Betten stehen. Plötzlich wurde aus dem Husten ein Würgen. Ein Schwall Blut schoss dem Mann aus dem Mund. Die Men-schen stoben schreiend auseinander und rempelten sich gegenseitig an. Ein Kind stürzte und verschwand im Meer der Beine. Der Mann brach zusammen. Ein Arzt rannte zu dem Gestürzten. Pfleger und Schwestern versuchten die Menschen zu beruhigen. Jemand stieß Martin zur Seite und stürmte würgend, eine Hand vor dem Gesicht, an ihm vorbei. Martin taumelte und konnte nur mit Mühe das Gleichgewicht halten.
»Keine Sorge, Karin. Ich finde einen Arzt für dich«, mur-melte er. Dann sah er in dem Getümmel den Arzt, der sich um den Gestürzten kümmerte. Martin schob sich rücksichts-los durch das Gedränge auf ihn zu.
»Hallo? Ich brauche Hilfe.«
Der Mann seufzte und sah Martin aus rotgeränderten Au-gen von unten her an. Dann bemerkte er den Körper in sei-nen Armen. Wortlos stand er auf und hob die Haare aus Ka-rins Gesicht. Den Gefallenen beachtete er nicht weiter.
Egal.
Es ging um Karin.
»Sie ist erst gestern Morgen erkrankt. Wissen Sie, wir haben uns in unsere Wohnung eingeschlossen und sind nicht vor die Tür gegangen. Sie kann die Seuche also nicht haben.«
Der Arzt legte ihr die Fingerspitzen an den Hals.
»Ich wäre ja früher gekommen, aber die Ausgangssperre und die Soldaten auf den Straßen …«
Martin stockte. Tränen verschleierten seinen Blick. Der Arzt hob den Blick und schüttelte den Kopf.
»Sie ist tot.«
»Das kann nicht sein. Sie hat die Seuche nicht. Wir waren doch seit drei Wochen nicht mehr draußen gewesen.«
Der Arzt nickte jemandem hinter Martin zu und ver-schwand in dem Gewühl auf dem Gang. Martin starrte hilflos hinter ihm her.
»Aber sie ist nicht tot!«
Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er drehte sich um und sah einen Soldaten im Schutzanzug vor sich stehen. Hinter dem Soldaten standen zwei weitere.
»Geben Sie sie her«, kam es dumpf aus der Maske.
»Aber … das ist meine Verlobte. Sie kann die Krankheit nicht haben.«
»Und wenn es die heilige Jungfrau Maria persönlich wäre. Der Arzt hat sie für tot erklärt. Ihre Leiche wird wie die der anderen Toten verbrannt.«
Wut und Verzweiflung kamen in Martin hoch. Seine Mus-keln spannten sich. Die Soldaten hinter dem, der ihn ange-sprochen hatte, hoben langsam ihre Waffen. Die Menschen wichen in dem engen Gang so gut es ging zurück. Martin schluckte. In Deutschland herrschte Kriegsrecht. Sollte er es riskieren, standrechtlich erschossen zu werden? Er konnte für Karin nichts mehr tun.
Es war zu spät.
Dieser letzte Gedanke rollte mit einer Wucht durch sein Denken, das es ihm schwindelte. Ein heißes Brennen schoss in seine Augen. Er blickte auf den leblosen Körper in seinen Armen. Ein dumpfer Schmerz schnürte ihm die Kehle zu. Die Stimmen der Menschen wurden zum sinnlosen Murmeln eines weit entfernten Meeres, dessen Wellen an einer einsa-men Küste leckten. Sein Blickfeld zerfranste an den Rändern seiner bewussten Wahrnehmung. Die Wirklichkeit kippte.
Zu spät.
Er hatte zu lange gewartet.
Die Worte hallten wie ein Mantra immer wieder durch sein Denken. Er hob den Blick, ohne zu sehen. Der Soldat neigte den Kopf zur Seite.
»Wenn Sie wollen, können Sie mitkommen und sie selber ins Feuer legen.«
Die Stimme, eben noch dumpf und ohne eine Spur Emo-tion, bekam einen weichen Klang. Martin nickte dem Sol-daten zu. Sein Körper gehörte nicht mehr ihm, als er hinter dem Soldaten auf die Straße trat.
Karin war tot.
Vor dem Eingang zur Notaufnahme stand ein Lastwagen mit offener Ladefläche. Unzählige Leichen bildeten dort bereits einen Berg aus verdrehten Körpern. Zwei Soldaten nahmen ihm Karins Leiche ab und warfen sie auf den Berg zu den anderen. Der Anblick versetzte Martin einen Stich, durchdrang den Schmerz, der sich betäubend um sein Denken gelegt hatte. Dann kam die bittere Erkenntnis.
Es war zu Ende.
Endgültig.
Der Soldat, der Martin hinausgeführt hatte, deutete ihm die Richtung zu einem Militärlaster mit Plane. Ein blasses Gesicht schaute aus der Dämmerung unter der Plane hervor. Martin schlich mit hölzernen Beinen in die angegebene Richtung. Bevor er in den Wagen stieg, schaute er hoch. Der Himmel hatte die Farbe eines Blutergusses und der Wind trieb tiefschwarze Wolken vor sich her. Es würde bald anfangen zu regnen. Mit einem letzten Blick zu dem Wagen, auf dem Karin zwischen all den anderen Toten lag, kletterte er auf die Ladefläche und setzte sich auf eine Pritsche. Am vorderen Ende der Ladefläche, zur Fahrerkabine hin, saßen zwei Soldaten. Auch sie trugen Masken und Schutzanzüge.
Ameisen.
Einfache Arbeiter ohne Hirn, die nur den Duftspuren ihrer Befehle folgten.
Martin wandte seinen Blick ab und sah vor sich den einzi-gen anderen Zivilisten sitzen. Einen hohlwangigen Mann in einem zerschlissenen Anzug. Der Mann bemerkte seinen Blick. Er griff in die Innentasche seines Jacketts. Die Soldaten hoben ihre Waffen. Mit einem schwachen Lächeln, und einem Seitenblick zu den Soldaten, zog der Mann ein silbernes Zigarettenetui hervor. Mit einem fragenden Blick hielt er es vor Martin. Der zögerte. Vor drei Monaten hatte er es endlich geschafft, dieses Laster aufgegeben, genauso wie das Schnupfen. Dafür hatte er jetzt in der Leiste, direkt neben den Hoden, einen Stelle, die wie das kalte Buffet einer Horde Moskitos aussah. Ein weiterer Moment des Zögerns. Dann nickte er und nahm dankend eine Zigarette heraus. Vor seinem geistigen Auge sah er Karin, wie sie missbilligend die Stirn runzelte.
»Declan Smith«, sagte der Mann in akzentfreiem Deutsch. Er beugte sich vor und gab Martin Feuer.
»Freier Handelsvertreter für Gentronics Pharmaka.«
Martin inhalierte den Rauch der Zigarette tief. Karin war tot. Es war keiner mehr da, der wegen einer Zigarette Streit anfangen würde. Hinter einem Vorhang aus blauem Dunst stellte er sich vor.
»Martin Martinsen. Ehemals freier Journalist für die XXX-NEWS. Jetzt arbeitslos.«
Declans Lächeln wuchs in die Breite.
»Das Revolverblatt, mit den wöchentlichen Meldungen über Wiedergänger, Entführungen durch Außerirdische und UFO-Sichtungen?«
Martin nickte. Die Zigarette schmeckte nach alter Matrat-zenfüllung. Karins Rache aus dem Reich der Toten, oder eine Folge seines nahenden Turkeys?
»Dann muss das hier für Sie ein gefundenes Fressen sein, oder? Was halten sie von den Gerüchten, die man überall hört? Die Grippetoten sollen als Zombies wiederauferstehen und die Lebenden fressen«, sagte Declan. Sein Lächeln wirkte aufgesetzt und er machte eine vage Handbewegung nach draußen. Martin schüttelte den Kopf.
»Wie gesagt, ich bin arbeitslos.«
Zwei weitere Soldaten stiegen ein und blockierten den Ausstieg. Mit einem Ruck fuhr der Lastwagen an.
»Wo waren Sie als es losging?«, fragte Declan. Martin zog noch einmal kräftig an der Zigarette und schnippte den Stummel auf die Straße. Unter den derzeitigen Umständen würde er dafür wahrscheinlich keinen Strafzettel bekommen. Der Affe in seinem Nacken begann ihn langsam und gleich-mäßig durchzurütteln.
»Ich war bei meiner Verlobten.«
»Und ich war auf dem Weg nach Hause. Saß im Flieger von Genf nach London.«
Declan zögerte. Dann holte er zitternd Luft.
»Der Pilot musste die Flugroute ändern. Im Korridor über dem Kanal war die Hölle los. Kurz vor dem Flughafen Charles-de-Gaulle kam dann die nächste Hiobsbotschaft. Paris wurde unter Quarantäne gestellt und desinfiziert. Was immer das auch heißen mag. Mit dem letzten Tropfen sind wir dann auf dem Köln-Bonner gelandet.«
Sehr interessant. Karin war tot. Was juckte ihn da die Le-bensgeschichte eines Fremden? Vielleicht könnte sie noch leben, wenn er auf die Ausgangssperre geschissen hätte. Hatte er falsch reagiert? Martin griff in die Innentasche seiner Jacke. Dort hatte er einen kleinen Notvorrat an Nasenzucker. Er holte die kleine Phiole hervor. Declans Blick brannte auf seinem Gesicht. Martin hielt ihm die Phiole unmerklich hin, was Declan mit einem Kopfschütteln beantwortete. Martin schnippte den Deckel auf und tat so, als müsse er sich vorsichtig schnäuzen.
Eine angenehme Ruhe überkam ihn. Vorsichtig steckte er sein kleines Geheimnis wieder in die Jackentasche. Eine heisere Stimme schallte in das Innere des Armeelasters und riss Martin aus seinen Gedanken.
»Der Herr aber sprach zu Gideon: Des Volkes ist zu viel, das mit dir ist. So lass nun ausrufen vor den Ohren des Vol-kes und sagen: Wer blöde und verzagt ist, der kehre um. Da kehrten des Volks um Zweiundzwanzigtausend, dass nur Zehntausend übrig blieben.«
Der Laster hielt mit einem Ruck an und die Soldaten, die ihnen bisher den Ausgang versperrt hatten, sprangen raus. Martin schaute ihnen desinteressiert hinterher. Ein nackter Mann torkelte über den nassen Asphalt. Er hielt ein Schild über seinen Kopf erhoben. Ein großes Kreuz und die Worte Gehet hin und tuet Buße, ihr Sünder, prangten in blutroter Schrift auf schwarzem Hintergrund.
»Und der Herr sprach zu Gideon: Des Volks ist noch zu viel. Führe sie hinab ans Wasser, daselbst will ich sie dir prü-fen. Und er führte das Volk hinab ans Wasser.«
Martin runzelte die Stirn. War das nicht eine Passage aus der Bibel? Das Buch Gideon oder so? Einer der Soldaten sprach den Propheten an. Martin konnte seine Worte nicht verstehen. Sie kamen nur als dumpfe Laute unter Maske hervor. Der Prophet reagierte nicht und schrie weiter.
»Und der Herr sprach zu Gideon: Wer mit seiner Zunge Wasser leckt, wie ein Hund, den stelle besonders. Desglei-chen, wer auf seine Knie fällt zu trinken. Da war die Zahl derer, die geleckt hatten aus der Hand zum Mund, dreihundert Mann.«
Der Soldat schrie etwas, das Martin wegen der Maske aber nicht verstehen konnte. Der nackte Prediger holte Luft und der Soldat verpasste dem Mann einen Fausthieb auf den Mund. Martin zuckte zusammen. Er glaubte das Knirschen der Zähne zu hören, aber das konnte nur eine Einbildung sein. Der Irre rief weiter seine Botschaft ans Volk, jetzt aber wesentlich undeutlicher.
»Und der Herr sprach zu Gideon: Durch die dreihundert Mann will ich euch erlösen. Aber das andere Volk lass gehen.«
Das letzte Wort ging in einen erstickten Klagelaut über. Martin sah zurück auf die Straße. Der Nackte hielt sich mit beiden Händen den Schritt und sackte in die Knie. Sein Mund ein rotes O der Überraschung und des Schmerzes. Das Schild lag neben ihm im Schmutz der Straße. Einer der Soldaten zielte mit seiner Pistole und schoss. Die Schädeldecke des Propheten verschwand in einer rosa Wolke.
Martin wollte aufstehen, den Soldaten anschreien, herrschte doch schon genug Leid überall, als er ein scharfes Knacken hinter sich hörte. Er blieb ganz steif in seiner halb aufgerichteten Position. Eine Hand legte sich auf seinen Arm. Er drehte sich um. Einer der Soldaten, die im Laster geblieben waren, hielt ihm seine Pistole vor das Gesicht. Declan schüttelte leicht den Kopf.
Es dauerte einen Augenblick, bis Martin sich dieser Situa-tion voll bewusst wurde. Declans Stimme drang dumpf durch den Vorhang aus Unglauben um sein Denken.
»Kriegsrecht.«
Kapitel II
Angenehm betäubt
Während der restlichen Fahrt schwieg Martin. Sein Denken und sein Fühlen waren in dichte Watte gepackt. Etwa so, als hätte ihm ein Zahnarzt die Doppelte Dosis Novokain direkt ins Gehirn injiziert. Das waren bei ihm die typischen Anzei-chen dafür, dass er bald wieder etwas brauchte, um die Stim-men in seinem Kopf zu dämpfen. Die Intervalle wurden im-mer kürzer, wenn er unter Stress stand oder sich unter vielen Menschen befand. Martin tauchte erst aus seiner dumpfen Erstarrung auf, als der Laster anhielt und die Soldaten ihn und Declan Smith von der Ladefläche zogen. Erstaunt blickte er sich um.
Sie standen mitten auf den Jahnwiesen, unmittelbar vor dem Rheinenergie Stadion. Etwa ein Drittel der Rasenfläche diente als Start- und Landefläche für Hubschrauber. In unmittelbarer Nähe sah er eine bunte Mischung aus den verschiedensten Fahrzeugen. Militärische Jeeps und Laster, zwei Feuerwehrwagen, mindestens vier große Kühllaster, Einsatzfahrzeuge der Polizei und mittendrin die vollgepackten Familienkutschen von Menschen, die auf der Flucht vor der Seuche waren. Zwischen all den Autos hasteten Menschen umher. Dort wurde ein Wagen beladen, hier einer mit einer Handpumpe aufgetankt und daneben ein Motor mit farbenprächtigen Beschimpfungen dazu überredet, endlich anzuspringen. Über allem wehte ein undefinierbarer Gestank. Etwa so, wie Schweinefleisch riecht, wenn es zu lange auf dem Grill liegt.
Das Chaos hatte etwas von einem Rockfestival an sich. Aber da waren die Gesichter der Menschen. Hart, verschlos-sen und manch eines wirkte, als wären eben noch Tränen daran heruntergelaufen. Ein Soldat nahm Martin am Ellenbogen und zog ihn in die andere Richtung, einer behelfsmäßigen Zeltstadt entgegen.
Martin sah Kinder. Leise vor sich hin weinend oder mit er-loschenem Blick in eine nicht fassbare Ferne starrend. Einige hielten ein kaputtes Spielzeug so fest in den kleinen Händen, als wäre es ein Anker in diesem Albtraum. Er sah ein Zelt, vor dem eine Gulaschkanone aufgebaut war. Nach dem zu urteilen, was der Koch den hungrigen Menschen auf die schmutzigen Teller klatschte, war es wohl nicht mehr, als heißes Wasser, das man an einer ordentlichen Portion Suppengrün und Gemüse vorbeigeschossen hatte. Ein alter Mann mit Anzug und Hut irrte suchend in den matschigen Gassen der Zeltstadt umher. Er fragte jeden in erreichbarer Nähe, ob denn niemand seine Vera gefunden hätte. Sie müsste ihre Medikamente nehmen, und ohne ihn wäre sie doch so hilflos. Ein Soldat packte den alten Mann grob an der Schulter und zog ihn weg, bevor er Martin erreichen konnte. Eine Nonne kam mit abschätzigem Blick den matschigen Weg auf ihn zu. Sie musterte erst Martin und dann Declan.
»Welche Blutgruppe haben Sie?«, fragte die Nonne Martin.
»Ich wollte nur meine Verlobte hier abgeben. Sie …«
»Welche Blutgruppe haben Sie?«, fiel ihm die Nonne ins Wort. »Wir haben einen akuten Notstand an Blutkonserven. Also?«
»Null negativ.«
»Sehr gut.«
»Hören Sie …«
Die Nonne nickte. Martin hörte hinter sich ein metallisches Knacken. Er drehte sich langsam um. Der Soldat hatte sein Gewehr auf ihn angelegt. Declan starrte mit blassem Gesicht und großen Augen auf das Schauspiel. Martin kniff die Lip-pen zusammen. Der Prophet, den sie auf dem Weg hierher gesehen hatten, kam ihm in den Sinn. Der Soldat winkte mit dem Lauf des Gewehrs und Martin ging in die angegebene Richtung. Hinter sich hörte er die Nonne Declan die gleiche Frage stellen.
»Und welche Blutgruppe haben Sie?«
Karins Leiche sah er nie mehr.
Zwei Stunden später saß Martin auf einem notdürftig aufge-stellten Bett. Man hatte ihn in ein Zimmer gebracht, das zum ehemaligen VIP-Bereich des Stadions gehörte. Eine breite Fensterfront bot ihm einen Ausblick auf das Notlager. Von hier aus konnte er den Rauch des Leichenfeuers sehen. Ob Karin schon …
Er verdrängte den Gedanken. Er griff in seine Hosentasche und fingerte seinen Verlobungsring hervor. Gedankenverlo-ren drehte er ihn in den Fingern. Sein Blick fiel auf die Innenseiten seiner Arme.
»Du siehst aus wie ein typischer Junkie«, murmelte er. Hier eine Ampulle Blut, dort eine Injektion. Und dann die Fragen. Endlose Fragen, die ihn einfach nur ermüdeten, weil sie nach einer Weile alle gleich klangen. Nur die Gesichter hatten ständig gewechselt.
Wie alt sind Sie?
Welche Krankheiten hatten Sie bisher?
Kinderkrankheiten?
Erbkrankheiten?
Welche Krankheiten hatten Ihre Eltern?
Ihre Großeltern?
Er hatte die ganze Zeit darauf gewartet, dass ihn endlich jemand zu dem Blutspendezelt des Roten Kreuzes brachte. Aber je länger er hin und her geschoben wurde, je mehr Fra-gen und Nadeln und Untersuchungen auf ihn eingestürmt waren, umso weniger hatte er noch daran geglaubt, dass er jemals dieses Zelt von innen sehen würde. Auf seine schwa-chen Fragen, was denn jetzt los sei und was mit ihm gesche-hen würde, hatte man ihm keine Antwort gegeben. Nur die Blicke, die man ihm zugeworfen hatte, die waren merkwürdig gewesen. Die Ärzte und Schwestern hatten ihn gemustert, wie man ein besonders seltenes Insekt unter dem Mikroskop betrachten mochte. Statt einem Soldaten, der ihn zum Untersuchungszelt gebracht hatte, hatte er plötzlich drei bewaffnete Begleiter bekommen. Alle trugen ABC-Schutzmasken, so dass er sie nicht unterscheiden konnte. Aber Martin hatte ihnen im Geiste die Namen Tick, Trick und Track gegeben. Karin hätte zu dieser Namensgebung bestimmt wieder etwas sagen können. Von wegen Kindsköpfigkeit und so. Aber Karin … war nicht mehr da.
Martin ignorierte den Schmerz, der sich wie ein Eisenring um seine Brust legte. Er verdrängte jeden Gedanken an sie.
Besser so.
Sonst würde er vielleicht weinend zusammenbrechen, sich auf dem Bett zusammenkrümmen, wie ein Kind mit schlim-men Bauchschmerzen. So ein Bild des Elends wollte er nie-mandem bieten. Herrgottnochmal, er war ein Mann. Zeit, sich endlich wie ein solcher zu benehmen. Er holte mehrmals tief Luft. Seine Hand ballte sich um den Ring zur Faust. Der Affe in seinem Nacken kam zurück. Und er hatte seinen Bruder mitgebracht. Unruhig wippte Martin mit den Füßen, zitterte und begann zu schwitzen, als das Murmeln und Summen in seinem Kopf wieder zunahm.
Martin würde so gerne Zippeln und zappeln, sich kratzen und streicheln, seine Finger fingern und seine Knöchel knö-cheln lassen … Um sich abzulenken rief er sich noch einmal das Bild der drei Soldaten in Erinnerung.
Tick hatte in seinem Schutzanzug wie ein zu klein geratenes Michelin-Männchen gewirkt. Er war auch der aggressivste der Gruppe gewesen und hatte an der Spitze der kleinen Prozession von seinem Gewehrkolben reichlich Gebrauch gemacht, um Platz zu schaffen. Trick und Track hatten auf ihn wie zwei Kleiderschränke gewirkt, die man für die Wintermonate im Sommerhaus mit einer Plastikplane abgedeckt hatte. Die beiden hatten auch vor der Tür seines Zimmers Posten bezogen. Ob sie immer noch dort standen? Martin seufzte und beschloss es nicht auszukundschaften. Ihm war nicht nach Streit zumute. Sollten sie doch mit ihm machen, was sie wollten. Ihm egal. Karin war tot, was kümmerte es ihn, wenn der Rest der Scheißwelt vor die Hunde ging.
Der Affe in seinem Nacken rüttelte ihn für einen kurzen Moment besonders heftig durch.
Nur ein kleiner Sniff, das wäre doch machbar, oder?
Die Tür ging auf. Martin sah zwei Männer hereinkommen. Beide trugen nur Gesichtsmasken, aber keine Schutzanzüge. Einer trug einen weißen Kittel, der andere eine Uniform mit unzähligen Ordensspangen auf der Brust. Seine Augen waren rotgerändert, so als hätte er vor kurzem noch geweint. Hinter den beiden kamen Trick und Track in den Raum. Der Weiß-kittel stellte sich neben Martin an das Bett, als wolle er das Ergebnis jahrelanger Forschung präsentieren. Der Unifor-mierte mit den roten Augen musterte Martin mit unverhohle-ner Neugier. Seine Augen funkelten kalt. Trick und Track flankierten den Uniformierten.
Einige Augenblicke vergingen schweigend. Martin wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als Uniform sich an den Arzt wandte.
»Ist er das?«
Ein leichter Akzent, in dem für Martins Empfinden ein Hauch Baguette und Gauloises mitschwang. Belgier? Franzose?
»Ja, mon Général. Er scheint absolut immun zu sein. Alle Tests verliefen negativ.«
Martin runzelte die Stirn. Was wurde hier gespielt? War also doch etwas an den Gerüchten, dass die NATO inzwischen das militärische Oberkommando über Köln übernommen hatte? Uniform nickte und etwas stach Martin in den Arm. Er zuckte heftig zurück. Weißkittel kannte keine Gnade und drückte ihm irgendeine klare Flüssigkeit in den Muskel seines Oberarms.
»Autsch! Verdammt was soll …«
Martins Zunge wurde schwer. Das Zimmer verzerrte sich und die Wirklichkeit schlug Wellen. Seine Kopf summte. Er drehte sich zu dem Arzt um.
»Was hamse mirda geschpritzt?«, nuschelte Martin. Die Sil-ben purzelten haltlos aus seinem Mund. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Uniform wandte sich an Trick und Track.
»Bringt ihn weg. Vielleicht ist er ein Ansatz für die Lösung.«
Die Lösung? Für was sollte er die …
Der Gedanke ertrank, bevor Martin ihn vollenden konnte. Das Bettlaken fiel ihm entgegen. Dann kam die Dunkelheit.
Kapitel III
Erwachen
Die Welt war zeitlose Schwärze. Langsam wuchsen Geräu-sche und Stimmen aus dem Nichts.
»Immer noch keine Reaktion?«
Eine verschwommene Gestalt zeichnete sich hell aus dem Nichts heraus ab.
»Nein Sir. Wir haben ihm sogar eine doppelte Dosis intra-venös verabreicht. Sein Immunsystem spült alle Erreger so-fort wieder aus.«
Die Gestalt sah aus wie ein Astronaut.
»Wie kann das sein? Ab sofort ist dieser Mann wie ein Pa-tient Null zu behandeln. Halten Sie ihn ruhig. Vielleicht ist er die Lösung.«
Ein Stich in den Arm.
Dann wieder zeitlose Dunkelheit.
In der Dunkelheit eine Gestalt, heller als tausend Sonnen und doch nicht blendend, heißer als es ein Mensch ertragen konnte und doch nicht verbrennend. In die zeitlose Dunkel-heit kam das Gefühl von Frieden und Liebe.
Und damit die vage Ahnung einer Aufgabe.
Nach einer nicht messbaren Zeitspanne schwamm das Be-wusstsein erneut an die Grenze zum Licht. Ein Name tauchte aus dem Nichts auf.
Martin.
Mit dem Namen kamen Schmerzen. Druck auf der Brust, der das Atmen erschwerte. Ein brennendes Stechen im Arm. In der Schwärze hinter seinen Lidern ein Piepsen. Ein gleichmäßiges, elektronisches Geräusch, das mit entnervender Gleichgültigkeit in sein Bewusstsein tropfte. Die Stimmen murmelten unverständliche Worte. Dann verstummten sie. Martin öffnete die Augen und blickte verständnislos umher.
Wo war er?
Das gelbliche Licht eines späten Nachmittags flutete ins Zimmer, stach mit heißen Nadeln in seinen Augen. Mit einem leisen Stöhnen kniff er sie zusammen. Vorsichtig wandte er den Kopf. Stille hinter dem Metronom des Piepens.
Ein Krankenhausbett?
Seine trockene Zunge fuhr über die Lippen. Sie fühlten sich wie zwei taube Wülste in seinem Gesicht an. Langsam öffnete er die Augen ein kleines Stück. In seinen Armen steckten Infusionsnadeln. Über seiner Brust lag ein umgekippter Galgenständer. Mühsam verfolgte er mit seinem Blick einen Schlauch, der aus seinem Arm wuchs. Ein Gefühl, als müsste er sich wie ein antiker Held einen Weg aus einem Labyrinth suchen. Seinen eigenen Weg zurück in die Realität.
Er sah neben dem Bett einen Monitor und einen weiteren Galgenständer mit einer Infusionsflasche. Ein Blick auf die Flasche. Leer und zerknüllt wie eine Coladose am Haken.
Okay, du liegst in einem Krankenhaus, dachte Martin. Wie zum Teufel bist du hierhin geraten? Ich war doch eben noch im Stadion, wo …
Er schloss die Augen, als die Bilder der Erinnerung auf ihn einstürmten.
Karin, das Feuer, Baguette und Gauloises … der Stich in den Arm.
Langsam erwachte Martin endgültig aus dem Dämmerzu-stand. Ein Gefühl wie durch ein Meer aus Watte zu schwim-men. Er öffnete seine Augen erneut, diesmal vorsichtiger, und blickte sich um. Stumpfes Licht fiel in sein Zimmer. Ein Einzelzimmer, während draußen die Menschen in Massen starben? Über das Piepsen des Monitors hinweg bemerkte er etwas Ungewöhnliches.
Ruhe.
Nicht nur Ruhe, sondern das absolute Fehlen jeden Ge-räuschs. Selbst in einem ländlichen Krankenhaus würde man die üblichen Geräusche hören.
Nichts.
Absolutes Nichts.
Keine Autos draußen, keine Schritte auf dem Flur. Kein Türenknallen, keine Lautsprecherdurchsagen, die nach irgendeinem Doktor riefen … die Welt begrüßte Martin mit eisigem Schweigen. Ächzend hob er den Kopf und stützte sich auf die Ellenbogen. Einer der Galgenständer fiel laut scheppernd zu Boden. Martin verzog das Gesicht und kniff die Augen zu. Er holte tief Luft, um das Summen im Kopf unter Kontrolle zu bekommen.
Zu viel Anstrengung, alter Junge. Gehs langsamer an.
Martin lächelte müde. Mit Hilfe des dreieckigen Plastikgriffs über dem Bett setzte er sich ganz auf. Schweißgebadet hielt er einen Moment inne. Außer dem Echo des Herzschlags in seinen Ohren hörte er nichts. In seinem Kopf hämmerte es furchtbar. Was war das hier für ein Laden? Martin fand den Rufknopf für die Schwester. Ein Griff, ein Druck mit dem Daumen, und im Schwesternzimmer würde jetzt eine rote Lampe blinken und allen mitteilen, dass Martin wieder unter den Lebenden weilte.
Soweit die Theorie.
Nichts tat sich.
»Hallo?«
Seine Stimme war ein heiseres Krächzen. Ein schmerzhaftes Schlucken.
»Hallooho?«
Der einsame Ruf verblutete in der Stille. Martin saß in sei-nem Bett und hypnotisierte die Tür. Der gleichgültige Gesang des Monitors hallte durch die Stille.
Keine Schritte.
Keine Stimmen.
Keine Autos … und draußen dämmerte der Morgen.
Martin vergaß die Zeit und erst als seine Pobacken einschlie-fen, kam wieder Leben in ihn. Mit einer fahrigen Geste griff er an seine Arme und zog die inzwischen nutzlosen Infu-sionsnadeln heraus. Dann waren die Pflaster an der Reihe, die die Elektroden an seine Brust klebten. Der Monitor bekam eine Herzattacke und pfiff wie ein heiserer Dampfkessel. Jetzt würde man im Schwesternzimmer aber bestimmt Alarm schlagen.
Zehn Minuten später war immer noch niemand da, um nach dem Rechten zu sehen. Aus dem mulmigen Gefühl in Martins Bauchhöhle wurde langsam ein Eisklumpen. Wer hatte ihn aus welchen Gründen hierhin verschleppt? Vorsichtig schwang er die Beine aus dem Bett und wankte ans Waschbecken.
Wasser! Schnell, viel und kalt.
Sein Körper schrie nach Flüssigkeit. Der Wasserhahn rö-chelte und ein Strahl dunkelbrauner Brühe schoss hervor, der nur langsam klarer wurde. Martin fragte sich, wie lange es her war, dass hier jemand den Wasserhahn benutzt hatte. Ein oder zwei Tage reichten normalerweise, damit die Leitungen sich mit Rost belegten. Sollte so lange niemand nach ihm gesehen haben?
Nachdem er seinen Durst gestillt hatte, wagte er einen Rundblick durch sein Zimmer. Nach einem normalen Kran-kenzimmer sah es nicht aus. Sein Bett, der Monitor … alles wirkte auf Martin wie notdürftig aufgestellt. Und über allem diese nervtötende Stille. Sein Blick schwankte zwischen Fenster und Tür hin und her. Er entschied sich für das Fenster. Bei jedem schlurfenden Schritt schwappte es gefährlich in seinem Bauch und seiner Blase. Ein unangenehmes Gefühl, jedoch nichts im Vergleich zu dem, das ihn überrollte, als er aus dem Fenster blickte.
Ein schiefergrauer Himmel, auf dem die Wolken wie dicke, nasse Wäschebündel lagen. Darunter im Zwielicht ein Grün-streifen, hinter dem sich im Dämmerlicht die Umrisse der Kölner Innenstadt als noch dunklere Scherenschnitte abho-ben. Vereinzelt sah Martin den hellen Schein ungezügelter Feuer. Das musste auf der anderen Rheinseite sein. Über den verwaisten Parkplatz unter seinem Fenster segelte ein Blatt Papier im Wind. Niemand bereitete die Aufnahme unzähliger Notfälle vor. Im Gegenteil. Aus einem der abgestellten Krankenwagen baumelten zwei Füße mit weißen Socken und billigen Turnschuhen. Blass, und mit ängstlich aufgerissenen Augen, wankte Martin zur Tür.
Drei Schritte und einige ungläubige Momente später plumpste er kraftlos auf das Bett.
Die Tür zu seinem Zimmer war abgeschlossen.
Die Erschöpfung hatte Martin trotz seines bohrenden Hun-gergefühls erneut einschlafen lassen. Dazu kam eine ordentliche Prise Nasenzucker aus seinem Jackenvorrat, der sich bedenklich dem Ende näherte.
Als er die Augen öffnete, lag er eingerollt wie ein Embryo auf den zerwühlten Bettlaken. Seine Augen waren verklebt, er fühlte sich schwach und zittrig. Draußen war es heller geworden. Das Pochen zwischen seinen Schläfen war zu einem beständigen Begleiter geworden, der im Rhythmus seines Herzschlags den Takt eines unhörbaren Lieds vorgab. Vorsichtig setzte er sich auf und schaute sich um. Alles unverändert. Sein Gesicht verzog sich. Wütend griff er hinter den Monitor und riss das Stromkabel aus der Wand.
»Schickt mir ruhig die Rechnung«, flüsterte er in die Stille.
Keine Antwort.
»Wenn ich mit euch fertig bin, ist das da nur noch …«, er deutete hilflos auf das Kabel in seiner Hand. Sein Atem wur-de schneller und seine Hände begannen zu zittern. Schließlich brüllte er mit aller verbliebenen Kraft in das Schweigen der Welt.
»DANN IST DAS HIER NUR EINE LAPPALIE! HÖRT IHR?«
Seine Stimme brach, wurde zum heiseren Flüstern eines verängstigten Kindes. Tränen brannten heiß in seinen Augen.
»Gottverdammt noch mal, was ist hier los?«
Sein Hals tat weh von der ungewohnten Anstrengung. Das Piepen des toten Monitors hallte als totes Echo in seinen Ohren nach. Die Stille sprang ihn an wie ein wildes Tier. Martin stand auf und ging an das Fenster. Er versuchte auf dem Parkplatz etwas zu erkennen.
Alles unverändert.
Der Schein der Feuer, der Ambulanzwagen mit offenen Türen stand immer noch am selben Fleck, und die weißen Socken mit den billigen Turnschuhen hatten sich nicht bewegt. Die Angst wollte nicht weichen, setzte sich in seinem Denken fest.
Hatte die Seuche die Menschheit ausgerottet?
War dass das Ende der Welt?
Unmöglich!
Informationen.
Er brauchte Informationen, um sich ein Bild der Lage zu machen. Fernsehen? Radio? Fehlanzeige. Im Zimmer gab es weder das eine noch das andere. Martin ballte die Fäuste und starrte zur Tür. Massives Holz, ein einfaches Schloss. Martin holte tief Luft und ging zur Tür. Mit beiden Fäusten und laut brüllend veranstaltete er einen Lärm, der Tote aufgeweckt hätte.
Martin hätte später nicht mehr sagen können, wie lange dieser Anfall von Jähzorn gedauert hatte. In Schweiß gebadet und mit zitternden Muskeln rutschte er an der Tür herunter und setzte sich auf den kalten Boden.
Raus! Ich muss hier raus!
Ein alles beherrschender Gedanke, der wie ein monotones Mantra immer wieder durch sein Denken hallte. Er blickte zum Fenster.
»Ihr habt mich eingesperrt?«, flüsterte er. »Okay, dann eben anders.«
Mühsam richtete er sich auf und wankte zum Schrank. Erst mal anziehen und seine Vorräte an Nasenzucker checken. Ein kleiner Sniff konnte nicht schaden. Selbst wenn dies hier nur ein verrückter Albtraum war, musste er sich nicht unbedingt halb nackt und mit einem beginnenden Turkey am Fenster zeigen. Außerdem war es inzwischen empfindlich kalt geworden. Mühsam streifte er anschließend seine Kleidung über. Der intensive Geruch der Feuer zog durch das geöffnete Fenster ins Zimmer. Martin hörte nichts. Keine Autos, keine Vögel. Die Welt hüllte sich in Schweigen. Eine stumme Botschaft, die er nicht verstand. Aus dem Fenster neben seinem Zimmer wehte ein weißer Vorhang mit einem merkwürdigen, braunen Sprenkelmuster. Die Turnschuhe baumelten immer noch aus dem Rettungswagen. Knapp eine Beinlänge unter dem Fenster zog sich ein schmales Sims an der Wand entlang. Ob seine Füße darauf Platz finden würden? Zumindest die vorderen Fußballen, schätzte er. Die Entfernung zum Nachbarfenster erschien ihm nicht zu groß, und sein Zimmer lag im zweiten Stock. Verlockend breite Fugen zwischen den Platten der Außenwand gaben den Ausschlag. Ein letzter Blick ins Zimmer. Er würde nichts Wichtiges zurücklassen. Beherzt schwang er ein Bein aus dem Fenster und machte sich auf den Weg ins Nachbarzimmer.
Martin verfluchte sich, seinen Leichtsinn und das unsichtbare Personal dieses Irrenhauses. Verkrampft hing er zwischen den Fenstern. Seine Finger klammerten sich in die schmalen Fugen zwischen den Platten der Außenwand. Seine Beine zitterten, da sein ganzes Gewicht auf den vorderen Fußballen lastete. Seine Waden verkrampften sich schmerzhaft.
Welcher Teufel hatte ihn da geritten? Er wusste nicht, wie lange er ohne feste Nahrung in seinem Zimmer gelegen hatte, als er zum ersten Mal erwacht war. Und da fiel ihm nichts Besseres ein, als an einer Häuserwand zwischen zwei Zimmern entlang zu klettern? Schweiß lief ihm in die Augen. Seine Beine summten unter der Anstrengung wie zwei Hoch-spannungsleitungen unter Volllast, und der Wind kühlte seine ohnehin geschwächten Muskeln noch weiter aus. Er hing zwischen den Fenstern. Von beiden Öffnungen etwa eine handbreit entfernt. Er sah zwei Möglichkeiten.
Erstens: Zurück ins Zimmer.
Nichts zu Essen, keine Informationen und eine verschlos-sene Tür.
Keine gute Wahl.
Zweitens: Er konnte versuchen, sich weiter in Richtung Nachbarzimmer zu hangeln und dabei riskieren abzustürzen.
Karins spöttisch lächelndes Gesicht schob sich vor sein Denken.
»Verschwinde. Du bist tot. Ich kann dich jetzt nicht brau-chen«, murmelte er der rauen Fassade zu. Es half. Karin ver-schwand. Er biss die Zähne zusammen und schob seine Füße ein Stück weiter in Richtung Nachbarfenster. Noch ein Schritt, und er müsste die Finger der rechten Hand von der Wand lösen.
Einen Moment noch, oh Gott bitte nur diesen einen Mo-ment.
Die Angst vor einem Sturz griff mit einer klammen Hand nach seinen Eingeweiden. Der Klammergriff der Rechten löste sich von der Wand, die Fingerkuppen schmirgelten über die raue Haut der Fassade. Martin schob seine Füße weiter nach links und zog gleichzeitig mit seiner linken Hand. Ihr Griff lockerte sich. Jetzt stand er bäuchlings an die Wand gepresst, die Füße eng beisammen auf dem schmalen Sims. Seine Rechte hing nutzlos an der Wand runter. Ein vorsichtiger und tiefer Atemzug und Martin löste den verzweifelten Griff seiner linken Hand, sein Arm schnellte nach links, seine Finger suchten verzweifelt nach dem Fensterrahmen. Ein Windstoß schob sich sanft zwischen Bauch und Wand und riss ein panisches Stöhnen mit sich. Krampfhaft versuchte Martin das Gleichgewicht zu behalten und seine Finger griffen nach einem Halt.
Endlich.
Seine Finger klammerten sich fest an das kalte Metall. Langsam schob er sich weiter in Richtung Nachbarzimmer.
Einen Moment ausruhen.
Seine Stirn lag an der Wand. Der intensive Geruch der Feuer wehte um sein Gesicht. Aber ein anderes Aroma, viel stärker und ekelhaft süßlich, lag nun deutlich in der Luft. Darum würde er sich später kümmern. Jetzt hieß es weitermachen, bevor er kurz vor dem Ziel seiner Träume doch noch auf den Asphalt stürzte. Martin drehte den Kopf vorsichtig nach links. Der Vorhang mit seinem seltsamen Sprenkelmuster wehte wie ein Segel nach draußen.
Auf den musste er aufpassen. Wenn der ihm im falschen Moment die Sicht nahm und er sein Gleichgewicht verlieren würde …
Martin wollte diesen speziellen Gedankengang nicht weiterverfolgen. Er schob seinen Körper noch dichter an das offene Fenster. Dann war er so nah, dass er es riskieren konnte, sein linkes Bein zaghaft über die Brüstung zu heben und sich rittlings auf den Rahmen zu setzen. Schließlich plumpste Martin auf den Boden des Nachbarzimmers und blieb mit vor Erschöpfung zitternden Gliedern auf dem Rücken liegen. Die Fenster der Zimmer gingen alle nach innen auf. Darüber hatte er nicht nachgedacht! Ein falscher Luftzug, und das zufallende Fenster hätte ihm die Finger abgehackt. Egal, er war drinnen und alles andere zählte jetzt nicht mehr.
Martin betrachtete das Muster des Vorhangs genauer. Etwas an diesem Bild alarmierte ihn. Er erkannte dieses Muster, und der merkwürdige Geruch, draußen schwach und vom Rauchgeruch überlagert, lag hier schwer und deutlich in der Luft. Immer noch auf dem Rücken liegend drehte er den Kopf nach rechts … und starrte in den Schädel einer Krankenschwester.
Saures Wasser kam in harten Stößen aus seinem Magen. Martin keuchte zwischen den Krämpfen nach Luft. Sein Bauch schmerzte und seine Knie schrien. Als das Würgen endlich nachließ, besah er sich das Zimmer und die Tote genauer.
Martin glaubte, in den getrockneten Resten ihrer offenen Schädeldecke blonde Haare zu erkennen. Ihre Augen waren im Tod weit aufgerissen. Das Zimmer hier sah genauso aus wie seines nebenan. Blassgrüne Wände, jede Menge medizinische Apparate. Er hob den Blick, sah auf das Bett und entdeckte eine weitere Leiche. Diesmal ein Mann. Zahllose Kabel führten von medizinischen Geräten zu seinem Körper. Die behaarten Unterarme lagen in einer Schutzgeste auf dem Gesicht des Toten. Hemd und Bettdecke waren voller Blut und zerfetzt. Vielleicht hatte er aufspringen und sich in Sicherheit bringen wollen, als sein Mörder in das Zimmer gestürmt war. Der Monitor neben dem Bett war ein Trümmerhaufen.
Was für ein Massaker! Aber warum das Ganze?
Martin versuchte, alles in einen erklärbaren Zusammenhang zu bringen. Kopfschüttelnd rappelte er sich auf. Wie lange, und vor allem wie tief, mochte er weg gewesen sein, dass er nichts hiervon mitbekommen hatte? Wieso war niemand bei ihm vorbeigekommen, um ihn ebenfalls zu erschießen? Was um Himmels Willen war hier passiert? Er stand auf und ging an das Bett. Irgendetwas an dem Toten kam ihm bekannt vor. Als Martin am Kopfende des Bettes ankam, wusste er warum.
Declan Smith.
Freier Handelsvertreter für Gentronics Pharmaka.
Martin schluckte trocken und wandte sich ab. Sein Blick fiel auf die Hand der toten Krankenschwester. Sie hielt im Tod etwas krampfhaft fest. Mit knackenden Knien ging Martin in die Hocke, öffnete ihre steifen Finger und sah, was ihre Hand im Tod beschützte. Er schluckte das heiße Brennen in seinem Hals herunter. Das ging. Nur die Tränen konnte er nicht zurückhalten.
In ihrer Hand lag ein großer Schlüsselbund.
Martin erwachte aus der Erstarrung und schloss der Toten die Augen. Den Schlüsselbund nahm er an sich. Die Tür zum Zimmer hing halb aus den Angeln. Martin kannte diese Spu-ren. Einer seiner Pflegeväter war geübt darin gewesen, Türen aufzutreten. Seine Pflegemutter hatte sich oft genug vor ihm in Sicherheit bringen müssen, wenn er Einen oder Zwei über den Durst getrunken hatte.
Sein Blick glitt in den Flur hinaus. Ein Fleisch gewordenes Gemälde von Hieronymus Bosch erwartete ihn hier. Ärzte, Pfleger, Schwestern und Patienten lagen mit verdrehten Gliedmaßen auf dem grünen Linoleum des Bodens. Die Wände waren mit Einschusslöchern übersät und über allem lag das unverwechselbare Parfüm des Todes. Drei Schritte entfernt lag ein Uniformierter. Martin blinzelte verwirrt. Trug der nicht einen Schutzanzug? Merkwürdig nur, dass der Tote keine Maske angelegt hatte. Auf jeden Fall hielt er eine Waffe in der Hand und hatte Ersatzmagazine an seinem Gürtel. Was immer hier passiert war, eine Waffe war in einer Situation wie dieser ein Geschenk Gottes. Martin ging vorsichtig zu der Leiche. Um den Gurt der Waffe zu lösen musste er den Toten drehen. Ein Blick den Flur hinauf und hinab. Niemand zu sehen oder zu hören. Martin fasste die Leiche unter den Schultern, wuchtete sie ächzend an … und ein jodelndes Stöhnen aus dem Mund des Toten zerriss die Stille.
Martin schrie erschrocken auf, robbte auf dem Hintern rückwärts von der Leiche weg. Sein Herzschlag raste, feiner Schweiß stand auf seiner Stirn und seine Arme zitterten. Die Leiche blieb ruhig liegen. Martin erinnerte sich, irgendwann ein Gerücht aufgeschnappt zu haben das besagte, dass ein Toter, der lange genug liegt, in seinen Därmen jede Menge Gase sammelt. Diese Gase kommen nicht an der erschlafften Zunge vorbei, die wie eine Sperre im Hals eines Toten liegt. Bewegt man eine Leiche, liegt es im Bereich des Möglichen, dass sich diese Gase lautstark ihren Weg nah draußen suchen.
Martin beobachtete den Toten genau.
Hatte er sich nicht gerade bewegt, war da nicht so ein bei-nahe unmerkliches Zucken der Finger zu sehen gewesen?
Martin atmete tief durch. Seine Angst hatte ihm einen Streich gespielt. Der Tote lag regungslos auf dem Boden vor ihm, wie es sich für einen anständigen Leichnam gehörte. Vorsichtig kroch er zurück zu dem reglos daliegenden Kör-per, jederzeit bereit, aufzuspringen und abzuhauen, sollte der Tote vielleicht doch auf die Idee kommen, nachzusehen, wer da seine Ruhe störte. Mit zitternden Fingern nahm Martin alles an sich, was ihm brauchbar erschien. Die Waffe, die Magazine und in einer Tasche des Toten fand er einen Schokoriegel. Heißhungrig riss Martin das Papier von diesem Riegel göttlichen Ambrosia. Ein lustvolles Stöhnen quetschte sich zwischen seinen kauenden Zähnen hindurch. Die Schokolade machte Martin auf das laute Grummeln in seinem Bauch aufmerksam. Gierig durchsuchte er die anderen Taschen des Toten und fand nichts mehr. Dann sah er zwei Schritte entfernt eine Dose Cola liegen. Auf allen Vieren robbte er auf den glänzenden Schatz zu. Ein Griff, ein Zischen und Martin erlebte eine ungeahnte Reanimation seiner Geschmacksnerven. Noch nie hatte etwas so gut geschmeckt, wie diese billige, warme Limonade. Die süße und klebrige Flüssigkeit rauschte durch seinen Hals und ein schmales Rinnsal lief an seinem Bart herunter. Martin setzte die Dose erst ab, als nichts mehr herauskam. Schwankend kniete er auf dem Boden. Das Grummeln in seinem Bauch wurde lauter und lauter. Martin riss die Augen auf. Seine Wangen blähten sich und ein lautstarkes Rülpsen donnerte über den Flur der Toten. Martin ließ sich vornüber auf seine Hände fallen. Nur für den Fall, das sein Magen die ungewohnte Ladung per Expresslift zurückschicken würde.
Lange Zeit hockte er einfach nur da. Seine Haare hingen ihm in fettigen Strähnen ins Gesicht. Dann begannen seine Schultern unkontrolliert zu zucken. Ein leises Kichern drang durch den Vorhang aus Haaren, wurde lauter und lauter. Ein hysterisches Lachen brach aus Martin heraus.
»ICH LEBE! HABT IHR GEHÖRT? ICH LEBE UND ICH WERDE WEITERLEBEN!«
Das Echo seines Schreis hallte über den Flur. Die Toten nahmen den Ausbruch gelassen zur Kenntnis.
Schön für dich, alter Junge.
